wir freuen uns, Ihnen an dieser Stelle die Inhalte unseres Fachbuchs Netzwerkprojekte aus einem besonderen Blickwinkel näher vorzustellen. Dies möchten wir in Form einer Beitragsreihe präsentieren, um zu zeigen, welche Hilfe Ihnen dieses Buch bei verschiedenen, netzwerkbezogenen Projekten leisten kann. In diesem ersten Beitrag möchten wir nur kurz auf die typischen Probleme und Herausforderungen eingehen, mit denen man bei Netzwerkprojekten konfrontiert wird. In den darauffolgenden Beiträgen werden wir Ihnen einige Teile aus dem Buch präsentieren und kurz erläutern, wie Sie an diese Probleme herangehen sollten, um sie lösen zu können.

Heutzutage man kann sich unsere Gesellschaft ohne Internet, welches de facto einen Verbund aller Netzwerke auf der Welt darstellt, kaum vorstellen. Unsere privaten Heimnetzwerke, Netzwerke in allen Unternehmen und anderen Institutionen werden immer komplexer. Folglich stellt sich das Projekt, ein neues Netzwerk z.B. in einem Unternehmen einzurichten oder ein bereits bestehendes zu modernisieren, in der Regel sehr komplex dar. Um dieses zum Erfolg zu führen, müssen unterwegs verschiedene Aufgaben gelöst und diverse Probleme bewältigt werden. Die wesentlichen, typischen Probleme haben wir hier zu zwölf Schwerpunkten zusammengefasst, die wir Ihnen anhand eines an eine Uhr angelehnten Modells auf dem hinzugefügten Poster verdeutlichen wollen. Dieses Poster können Sie sich ausdrucken und es wird Sie so auch beim Lesen der weiteren Beiträge aus dieser Serie begleiten.

Badach_Netzwerkprojekte_PosterDas hier gezeigte „Uhr-Modell“ soll symbolisieren, dass wir mit verschiedenen Problemen/Aufgaben bei Netzwerkprojekten konfrontiert werden, die wir in ihrer Reihenfolge anhand der zwölf Stunden des Zifferblatts einer Uhr auf entsprechende Schwerpunkte abbilden können. Zu jedem Schwerpunkt verweisen wir auf den entsprechenden Teil im Buch, in dem Sie die Erläuterungen zu diesen Problemen finden. Bezogen auf dieses Modell werden wir nicht von Projektphasen/-aufgaben sprechen, sondern einfach von Stunden, sodass jede Stunde eine Projektphase bzw. -aufgabe symbolisiert. Es sei auch angemerkt, dass die ersten Stunden die Planungsaspekte und die letzten die Realisierungsaspekte betreffen.

Stellen Sie sich vor, die Stunde 0 beginnt bald: Ein Netzwerkprojekt soll also in Ihrem Unternehmen gestartet werden, um ein neues Netzwerk einzurichten oder ein bestehendes zu modernisieren und sie werden dieses Projekt leiten. Die wesentlichen Informationen, die man in der Initiierungsphase jedes Netzwerkprojekts benötigt, finden Sie im Kapitel 1.

Planungsaspekte

Diese entsprechen den Stunden 1, 2, 3, 4, 5  und lassen sich wie folgt kurz charakterisieren:

 1       Ist-Analyse: Nach der Initiierung eines Netzwerkprojekts folgt als nächste die in Kapitel 2 präsentierte Phase – die sog. Ist-Analyse. Während dieser wird beim Netzwerk-Redesign normalerweise der aktuelle Zustand des Netzwerks „aufgenommen“, um sowohl Schwachstellen, die behoben werden sollen, als auch Verbesserungswünsche und neue Wunschvorstellungen zu erfassen. Diese müssen danach noch untersucht werden, damit man sie als Wunschanforderungen präzise und einheitlich spezifizieren kann. Ein Katalog von Wunschanforderungen kann als Ergebnis der Ist-Analyse angesehen werden.

 2       Soll-Analyse: Nach der Ist-Analyse folgt die in Kapitel 3 präsentierte Soll-Analyse. Während dieser Analyse müssen verschiedene Entscheidungen getroffen werden. Insbesondere muss entschieden werden, welche Wunschanforderungen aus der Ist-Analyse in welchem Umfang als Projektanforderungen spezifiziert werden sollen. Dabei werden die verfügbaren Ressourcen (Investitionsbudget, personelle Ressourcen etc.), räumliche und zeitliche Einschränkungen sowie gesetzliche Anforderungen berücksichtigt. Jede Wunschanforderung wird daher auf ihre Realisierbarkeit untersucht und nur realisierbare Wunschanforderungen werden in Form von Projektanforderungen spezifiziert und zur Realisierung übergeben. Das Ergebnis der Soll-Analyse ist ein Katalog von Projektanforderungen, den man auch als Katalog von Systemanforderungen betrachten kann.

 3       Systemkonzept: Aufbauend auf den Angaben aus dem Katalog von Projektanforderungen und den weiteren Erkenntnissen aus der Soll-Analyse wird das Systemkonzept entwickelt. Dieses wird wiederum zu einem späteren Zeitpunkt als Basis für die Ausschreibung bei der Beschaffung von Systemkomponenten dienen. Ein Netzwerk eines Unternehmens oder einer anderen Organisation ist ein sehr komplexes Gebilde, sodass sich dessen Systemkonzept aus mehreren Komponenten, die als Teilsystemkonzepte angesehen werden können, zusammensetzt. Um ein Netzwerkprojekt effektiv durchzuführen, ist oft eine vernünftige Zerlegung – als eine Dekomposition – des Gesamtkonzepts auf mehrere kleinere Teilsystemkonzepte, die bestimmte Netzwerkbereiche betreffen, erforderlich. Die grundlegende Voraussetzung für ein zufriedenstellendes Systemkonzept eines Netzwerks ist die Berücksichtigung neuer Entwicklungen, eine gute physikalische und logische Netzwerkstrukturierung und ein bis in alle Details durchdachtes Systemkonzept, welches eine Realisierung sicherstellt, die den zuvor definierten Systemanforderungen zukünftig gerecht wird. Wichtige Grundlagen zur Entwicklung der Systemkonzepte für Netzwerke vermittelt Kapitel 4.

 4       Netzwerkdokumentation: Eine zwingend notwendige Aufgabe bei der Planung und Realisierung jedes Netzwerks ist dessen Dokumentation. Die Arbeiten an der Dokumentation des Netzwerks sollten bereits in der Planungsphase beginnen und bei der Netzwerkinstallation und -inbetriebnahme fortgesetzt und beendet werden. Bei der Erstellung der Dokumentation des Netzwerks müssen oft unterschiedliche Faktoren berücksichtigt werden. Deswegen ist eine gut strukturierte, übersichtliche und präzise Dokumentation des Netzwerks von großer Bedeutung, um einen effizienten und sicheren Netzwerkbetrieb garantieren zu können. Da ein unternehmensweites Netzwerk ein sehr komplexes Gebilde darstellt, sollte dessen Dokumentation in einer rechnergestützten Form erstellt werden. Auf verschiedene Aspekte der Netzwerkdokumentation geht Kapitel 5 ein.

 5       Netzwerksicherheit: Diese kann nur durch die Vermeidung von Risiken, die beim Netzwerkbetrieb auftreten können, erhöht werden. Deshalb ist es unverzichtbar, zuerst eine Bedrohungsanalyse durchzuführen, um existierende bzw. potentielle Sicherheitsschwachstellen im Netzwerk zu entdecken und mit ihnen verbundene Risiken zu analysieren – also eine Risikoanalyse durchzuführen. Auf diese Art und Weise kann der Schutzbedarf im Netzwerk erfasst werden. Wurde der Schutzbedarf erfasst, so müssen nun die vorhandenen Mittel und andere Ressourcen analysiert werden, um feststellen zu können, wie weit der Schutzbedarf „abgedeckt“ werden kann. Diese Analyse kann als Schutzbestimmung angesehen werden. Sie führt zur Festlegung der Sicherheitsanforderungen. Die Vermeidung von Risiken kann durch die Realisierung unterschiedlicher Sicherheitsmaßnahmen erreicht werden und damit den Schutz des Netzwerks garantieren. Die Maßnahmen müssen in Form eines entsprechenden Katalogs von Sicherheitsanforderungen spezifiziert werden. Kapitel 6 erläutert diese Problematik detailliert.

Wirtschaftlichkeit von Netzwerkprojekten (6)

Die Anforderungen an IT-Infrastrukturen und deren Komplexität nehmen ständig zu. Aus diesem Grund verursachen auch Netzwerkprojekte große Inves­titionskosten, sodass deren Wirtschaftlichkeit – insbesondere in Zeiten der Finanzknappheit – von enorm großer Bedeutung ist. Bei jedem Netzwerkprojekt sollte man daher eine Wirtschaftlichkeitsanalyse durchführen. Diese Analyse sollte man zuerst direkt nach der Planungsphase durchführen, um das Systemkonzept auf dessen Wirtschaftlichkeit hin zu überprüfen; sie sollte während der Netzwerkrealisierung fortgesetzt und nach der Netzwerkinbetriebnahme beendet werden. Dabei soll das Projekt nicht nur im monetären Sinne im Hinblick auf dessen finanzielle Vorteile, sondern auch bezüglich anderer nicht monetär bewertbarer Nutzeffekte betrachtet werden. Eine Überprüfung der Netzwerkprojekte auf deren Wirtschaftlichkeit im monetären wie auch im nicht-monetären Sinn ist somit unabdingbar. Kapitel 7 gibt eine kompakte und fundierte Darstellung der Möglichkeiten zur Analyse der Wirtschaftlichkeit von Netzwerkprojekten.

Realisierungsaspekte

Diese entsprechen den letzten Stunden 7, 8, 9, 10 und 11 im Uhr-Modell und  behandeln dabei folgende Aspekte:

 7       Phasen der Netzwerkrealisierung: Nach der Entwicklung des Systemkonzepts für ein Netzwerk folgt anschließend dessen Realisierung. Auf dem Weg zum Netzwerkbetrieb, d.h. während der Netzwerkrealisierung, müssen aber mehrere voneinander abhängige Aktivitäten durchgeführt werden. Oft ist eine Ausschreibung nötig und es folgt anschließend die Installation des Netzwerks und dessen Inbetriebnahme. Sämtliche organisatorische und technische, bei der Realisierung eines Netzwerks zu erledigende Aufgaben einerseits und andererseits die technische Realisierung des Netzwerks selbst können auf eine Reihe zusammenhängender Aktivitäten aufgeteilt werden. Diese Aktivitäten müssen dann – wie Abschnitt 8.1 dies zum Ausdruck bringt – in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten realisiert werden.

 8       Ausschreibung/Beschaffung: Die Ausschreibung eines Netzwerks stellt einen komplexen, formalen Vorgang dar. Da verbindliche Aussagen über funktionelle, technische und gesetzliche Anforderungen, über geforderte Termine und Qualität sowie über Kosten in jeder Ausschreibung – bei der Beschaffung von Systemkomponenten – gemacht werden müssen, muss jede Ausschreibung genau durchdacht und geplant werden. Bei den Ausschreibungen sind auch einige gesetzliche und betriebliche Regelungen zu beachten. Abschnitt 8.3 beschreibt die Vorgehensweise bei einer Ausschreibung und geht dabei u.a. auf folgende Aspekte ein: die Festlegung von Rahmenbedingungen, Ausschreibungsunterlagen, Bewertung der Angebote, Vertrag und Vertragszusätze.

 9       Netzwerkinstallation und -inbetriebnahme: Wurden die Systemkomponenten nach einer Ausschreibung vom Auftragnehmer geliefert bzw. auch teilweise vom Auftragnehmer selbst angeschafft, müssen sie installiert und anschließend das Netzwerk in Betrieb genommen werden. Außer der Installation des Netzwerks und dessen Inbetriebnahme, müssen weitere Aktivitäten durchgeführt werden. Abschnitt 8.5 zeigt, um welche es sich dabei handelt und erläutert u.a.: Welche Tests sollen während der Inbetriebnahme des Netzwerks durchgeführt werden und mit welchem Ziel? Was ist beim Konfigurationsmanagement zu beachten? Wie sollte man bei der technischen Überprüfung und danach bei der Abnahme des Netzwerks vorgehen?

 10    Notfallmanagement: Das Netzwerk jedes Unternehmens ist heute dessen „Lebensnerv“, von dem dessen Geschäftsprozesse und folglich auch dessen Existenz abhängen. Die Abhängigkeit von Netzwerken und deren steigende Komplexität führen dazu, dass unerwünschte Ereignisse wie Ausfälle von wichtigen Systemkomponenten, bösartige Angriffe, Feuer, extreme Wetterereignisse oder Terrorismus große Auswirkungen verursachen können. Aus diesem Grund ist das sog. Notfallmanagement während des Netzwerkbetriebs von sehr großer Bedeutung, um die das Überleben eines Unternehmens gefährdenden Risiken frühzeitig zu erkennen, Maßnahmen dagegen zu planen und diese umzusetzen. Damit eventuelle Notfälle möglichst geringe Schaden verursachen, sind einige Vorsorgemaßnahmen im Voraus zu ergreifen wie auch ein Bewältigungsplan (Wiederherstellungsplan, Recovery Plan) zu erarbeiten, um nach dem Auftreten eines Notfalls den Netzwerkbetrieb möglichst ununterbrochen fortsetzen zu können. Hierfür ist, wie in Abschnitt 8.6 dargestellt, ein gutes Notfallkonzept notwendig, in dem nicht nur die Pläne zur Aufrechterhaltung der Betriebsbereitschaft des Netzwerks enthalten sein sollen, sondern auch von auf der Netzwerkbasis eingerichteten IT-Services. Der wesentliche Teil der Dokumentation des Notfallkonzepts bildet das ebenso in Abschnitt 8.5 dargestellte Notfallhandbuch mit allen zur Notfall­bewältigung benötigten Plänen, Organisationsstrukturen, Angaben sowie erforderlichen Maßnahmen, die nach Eintritt eines Notfalls zur Wiederherstellung des normalen Netzwerkbetriebs ergriffen werden müssen.

 11    Netzwerkbetrieb: Am Ende jedes Netzwerkprojekts sollte man, noch während der Netzwerkinbetriebnahme und kurz vor der Übergabe des neuen Netzwerks, ein Betriebshandbuch erstellen. Das Betriebshandbuch zum Netzwerk, hier als BHB bezeichnet, ist zur Gewährleistung eines reibungslosen Netzwerkbetriebs in jedem Unternehmen und in jeder anderen Organisation unabdingbar. Im BHB sollen, wie in Abschnitt 8.6.4 präsentiert, ausführlich, übersichtlich und präzise alle technischen Informationen/Angaben und ebenso verschiedene organisatorische Rahmenbedingungen – wie etwa: Verantwortlichkeitsbereiche, Betriebszeiten etc. – spezifiziert werden, welche alle Netzwerkverantwortlichen, insbesondere das Betriebspersonal des Datacenters (Rechenzentrums), benötigen, damit sie einen reibungslosen, stabilen und sicheren Netzwerkbetrieb aufrecht erhalten bzw. dauerhaft garantieren können. Das BHB soll vor allem eine an die Belange des Betriebs angepasste Übersicht über das ganze Netzwerk als Gesamtheit liefern, damit man während dessen Betriebs in allen gewöhnlichen und außergewöhnlichen Situationen – insbesondere während verschiedenen Stör- und Notfällen – schnell, gezielt und korrekt agieren kann. Das BHB soll dazu beitragen, dass das ganze Netzwerk samt dessen Betreuern ein gut harmonierendes „System“ bildet.

Damit möchten wir diesen Beitrag abschließen. Wir hoffen, Ihnen eine anschauliche Darstellung der Problematik von Netzwerkprojekten gegeben zu haben, und verbleiben bis zum nächsten Beitrag über die Ist-Analyse.

 

Ihre Autoren

Anatol Badach und Sebastian Rieger

Weitere Informationen zum  Thema finden Sie auf der Buchseite Netzwerkprojekte. Planung, Realisierung, Dokumentation und Sicherheit von Netzwerken.

Badach/Rieger, Netzwerkprojekte

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