Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als die Bitte, ein bestimmtes Layout abschließend auch als E-Book im EPUB-Format zu liefern, den Stresspegel bei uns in der Print-Branche tätigen InDesignern zumindest leicht ansteigen ließ. Das war vor gefühlten Jahrzehnten – in Wirklichkeit liegt diese Zeit aber erst zwei oder drei Jahre zurück.

Seither haben wir völlig umdenken müssen. Nicht mehr das Aussehen des Layouts in InDesign ist der Maßstab, sondern die Struktur der Inhalte. Wer auch Einblick in die Entwicklung (standardkonformer) Webseiten Einblick hat, ist deshalb deutlich im Vorteil: Im Grunde genommen gleichen E-Books im EPUB-Format einfach aufgebauten, CSS-formatierten Webseiten. Zwar müssen Sie als InDesigner sich nicht unbedingt mit dem HTML-, CSS- und XML-Code Ihres E-Books beschäftigen; aber es hilft durchaus, wenn Sie ein grundlegendes Verständnis dieser Bestandteile der EPUB-Datei besitzen. In meinem Buch zeige ich Ihnen deshalb nicht nur, wie Sie ein EPUB-Dokument in diese Bausteine zerlegen, sondern auch, wie Sie diese anschließend bearbeiten und wieder zu einem funktionstüchtigen E-Book zusammensetzen.

InDesign hat es uns nicht immer leicht gemacht, ein gutes EPUB herzustellen. Zwar war es bereits in früheren Versionen möglich, in dieses Format zu exportieren, doch diverse Unzulänglichkeiten und auch Bugs verhinderten die Erzeugung eines wirklich guten E-Books.

In InDesign CC haben digitale Dokumente – auch EPUB-Bücher – noch einmal einen höheren Stellenwert erhalten. So wurden beispielsweise die Möglichkeiten der Layoutkontrolle per CSS deutlich verbessert.

Nachfolgend gebe ich Ihnen einige Tipps, wie Sie über die InDesign-Funktion „Datei > Exportieren“ ein wirklich professionelles EPUB-Dokument exportieren können.

  • Lösen Sie sich von der Vorstellung, dass Sie das Layout Ihres E-Books exakt kontrollieren können.
    Das adaptive EPUB-Format bietet keine optimale Unterstützung für ein ausgefeiltes Design, für typografische und layouttechnische Feinheiten – das EPUB-Dokument soll sich schließlich an unterschiedliche Reader und Lesegeräte mit ihren verschiedenen Formaten und Display-Auflösungen anpassen. Etwas anders sieht es beim neuen EPUB-3-Format mit festem Layout aus, das sich etwa für Bildbände, Comics oder Kinderbücher eignet. So spannend diese neue Entwicklung ist – für die breite Masse der EPUB-Bücher ist heutzutage ein adaptives Design nach wie vor besser geeignet. Die User Experience textlastiger Bücher wird durch ein festes Layout keineswegs verbessert, weil der Leser dann je nach Displaygröße immer wieder zoomen oder schwenken muss. Es gibt zahlreiche kreative Möglichkeiten, auch Bücher mit adaptivem Layout gut zu gestalten – selbst wenn sie zahlreiche Abbildungen und Ähnliches enthalten.
  • Arbeiten Sie mit Absatz-, Zeichen- und Objektformaten.
    Die wichtigste Voraussetzung für ein gelungenes EPUB-Dokument ist die konsequente und konsistente Arbeit mit Formaten. Kurz gesagt, stellen diese die einzige Möglichkeit dar, Layout und Textformatierung exakt zu kontrollieren. Diese Formatierungen werden im EPUB-Dokument in XHTML-Code und CSS-Formatierungen umgewandelt, wie sie vor allem aus dem Webdesign bekannt sind.

Abb. 1

Arbeiten Sie konsistent mit Zeichen- und Absatzformaten.

  • Legen Sie sich nicht zu sehr auf eine bestimmte Schriftart fest.
    Sie können zwar theoretisch die verwendeten Schriften beim EPUB-Export mitgeben. Viele E-Book-Reader verwenden jedoch eigene Schriftsätze und geben dem Betrachter überdies die Möglichkeit, die Leseumgebung anzupassen. Denken Sie außerdem daran, möglichst OpenType-Fonts zu verwenden.
  • Gestalten Sie Ihr Layout in einem Fluss.
    Nur extrem einfache Layouts werden auch als EPUB- oder HTML-Datei annähernd genauso aussehen wie Ihre InDesign-Layoutdatei. Formatierungen wie Randbemerkungen und Bilder in der Marginalie werden in der EPUB-Datei neu positioniert. Grundsätzlich wird die Elementreihenfolge im EPUB-Dokument durch den Stand der Objekte im InDesign-Dokument bestimmt. Diese Objekte sollten in einer klar erkennbaren Reihenfolge angeordnet sein, weil InDesign das Dokument beim Export von oben nach unten und von links nach rechts analysiert. Der gesamte Inhalt wird dann in einem kontinuierlichen Fluss dargestellt. Am einfachsten haben Sie es, wenn das gesamte InDesign-Dokument nur eine einzige Textkette aus verknüpften Textrahmen enthält. Grundsätzlich sollten auch alle Bilder im Dokument in dieser Textkette verankert sein. Falls es Ihnen nicht möglich ist, Ihr InDesign-Dokument auf diese Weise zu organisieren, können Sie auch fortgeschrittene InDesign-Funktionen wie Artikel oder die XML-Struktur nutzen, um vom Originallayout unabhängige Beziehungen zwischen den Seitenelementen zu erzeugen. Wie es genau geht, erfahren Sie ebenfalls in meinem Buch.
  • Es gibt keine Seitenumbrüche.
    Denken Sie daran, dass weder ein E-Book-Reader genauso wenig wie ein herkömmlicher HTML-Browser echte Seiten kennt. Ihre Seitenumbrüche werden im fertig exportierten elektronischen Dokument also nicht widergespiegelt. Benötigen Sie dennoch Seitenumbrüche – etwa vor einem neuen Kapitel –, können Sie verschiedene Techniken nutzen. Eine der besten Funktionen in der InDesign-Version CC ist die Möglichkeit, das entsprechende Absatzformat – etwa für die Kapitelüberschrift – in der Kategorie „Tagsexport“ des Dialogfelds „Absatzformatoptionen“ mit der Option „Dokument teilen (nur EPUB) zu versehen.

 

Abb. 2

Nutzen Sie die neue Möglichkeit, die Dokumentteilung direkt im Dialogfeld „Absatzformatoptionen“ bequem festzulegen.

  • Bestimmen Sie die Bildkonvertierung selbst.
    Standardmäßig entscheidet InDesign beim EPUB-Export selbst, in welches Format die einzelnen Bilder Ihres Dokuments exportiert werden. Dabei legt das Programm in vielen Fällen nicht nachvollziehbare Maßstäbe an. Aus diesem Grund können Sie in InDesign CC für bestimmte Bildarten – etwa Fotos oder auf Vektorgrafiken basierende Bilder – über den Befehl „Objekt / Objektexportoptionen“ eigene Einstellungen festlegen und diese sogar in einem Objektformat speichern, um sie beim späteren EPUB-Export anzuwenden.

 

Abb.3

Bei Bedarf legen Sie für jedes einzelne Bild gesonderte Exporteinstellungen fest.

  • Definieren Sie eine geeignete Bildgröße.
    Wenn Sie in Ihrem E-Book ganzseitige Bilder zeigen möchten, sollten Sie vorab die richtige Größe für Ihre Bilder definieren. Leider ist es nicht möglich, Bilder zu erstellen, die auf allen verfügbaren Bildschirmen und Ausgabegeräten perfekt aussehen. Es geht eher darum, dass Ihre Bilder auf jedem Gerät akzeptabel und auf so vielen wie möglich hervorragend aussehen. Auf vielen momentan verfügbaren Geräten sehen die Abmessungen 800 x 600 Pixel gut aus. Dies entspricht dem bei Anzeigegeräten vieler Klassen weit verbreiteten Seitenverhältnis von 4:3.

Und zuletzt: Bleiben Sie am Ball. Wenn Sie auf dem Gebiet der digitalen Veröffentlichungen arbeiten, müssen Sie sich an eine starke Abhängigkeit von Geräte- und Softwareherstellern gewöhnen. Es kann durchaus vorkommen, dass sich die Technologie während der Entwicklung eines umfangreichen Projekts so einschneidend ändert, dass Sie völlig umdenken und einige der aufwendig entwickelten Inhalte neu gestalten müssen. Immer wieder werden Features geändert, verbessert oder verworfen, ständig kommen neue Geräte und sogar ganze Gerätekategorien auf den Markt. Das bedeutet für Sie, dass Sie stets am Ball bleiben und immer wieder möglichst umfangreiche Tests auf sämtlichen verfügbaren Geräten und Anwendungen durchführen müssen. Diese etwas verwirrenden Gegebenheiten erinnern an das Aufkommen des Desktop-Publishings in den 1980ern oder – noch mehr – an den Internet-Hype um die Jahrtausendwende. Es ist zu erwarten, dass auch die E-Publishing-Branche, die noch in den Kinderschuhen steckt, mit der Zeit zur Ruhe kommen und besser vorhersehbar wird. Bis dahin sollten Sie versuchen, sich zumindest für längerlebige Publikationen weitgehend auf mittlerweile etablierte Standards zu verlassen. Denken Sie vor allem an eine sinnvolle Strukturierung Ihrer Dokumente – nur so erreichen Sie eine gewisse Zukunftssicherheit. Bei systematischer Vorgehensweise erhalten Sie Dokumente, die für die unterschiedlichsten Einsatzgebiete nutzbar bleiben, egal, wie diese künftig aussehen werden.

Kommer, Digital publizieren mit InDesign CC

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