nachdem wir Ihnen im ersten Beitrag die wesentlichen, typischen Probleme bei Netzwerkprojekten in zwölf Schwerpunkten zusammengefasst und diese in Form eines an eine Uhr angelehnten Modells (siehe Poster) dargestellt haben, möchte wir uns jetzt der „Stunde 1“  in diesem Modell – also der sog. Ist-Analyse – widmen. Dabei möchten wir Ihnen kurz erläutern, wie man während der Ist-Analyse einer Netzwerkinfrastruktur vorgehen sollte, um alle Wunschanforderungen, die man durch die Realisierung eines Netzwerkprojekts erreichen möchte, zu erfassen und diese danach präzise und einheitlich zu dokumentieren. Stellen wir uns jetzt vor: In Ihrem Unternehmen bzw. in Ihrer Firma muss das Netzwerk modernisiert werden, um dieses auf den neusten Stand bringen zu können.

Zu Beginn der Modernisierung jeder Netzwerkinfrastruktur, also bei jedem Netzwerk-Redesign, ist es erforderlich, das aktuell vorhandene, bereits „veraltete“ Netzwerk zu analysieren, um damit die Wünsche, die man mit dem modernisierten Netzwerk erreichen möchte, präzise zu erfassen. Der erste Schritt bei der Planung und Durchführung einer IT-Investition, die zu einer zukunftssicheren Netzwerkinfrastruktur führen soll, ist daher eine Analyse der aktuellen Netzwerkinfrastruktur. Diese Analyse erfolgt direkt nach der Initiierung eines Netzwerkprojekts und wird kurz Ist-Analyse genannt. Ihr Ziel sollte dabei sein, alle Wunschanforderungen, die man durch die Realisierung eines Netzwerkprojekts  erreichen möchte, zu ermitteln. Dies beinhaltet  sowohl alle Schwachstellen innerhalb der bestehenden Netzwerkinfrastruktur, die behoben werden sollen, als auch alle Verbesserungswünsche bzw. neue Zielvorstellungen sowie eventuell eine Wunschliste innovativer Netzwerkdienste und -anwendungen.

Wie Abbildung 2.1-2 in unserem Fachbuch über Netzwerkprojekte illustriert, sollte während der Ist-Analyse zuerst eine fundierte Bestandsaufnahme des aktuellen Netzwerkzustands, also des Ist-Zustands, vorgenommen werden. Hierfür müssen organisatorische, technische, funktionelle, strategische und sicherheitsrelevante Aspekte analysiert werden, um alle Probleme, die als Schwachstellen gelten, und alle Anforderungen bzw. neue Wünsche erheben zu können. Aufgrund der Erkenntnisse aus der Bestandsaufnahme kann dann eine Problem- und Anforderungsanalyse erfolgen, um Schwachstellen, die behoben werden müssen, und neue Zielvorstellungen, die man zu erreichen wünscht, zu erfassen und einheitlich sowie präzise zu spezifizieren.

Bild 1: Abb. 2.1-2 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte

Das wesentliche Ziel der Ist-Analyse beim Redesign einer bestehenden Netzwerkinfrastruktur – also beim Netzwerk-Redesign – besteht in der Ermittlung und Spezifikation von bereits existierenden und potenziellen Schwachstellen, die als Ursachen für Probleme im Netzwerk gelten und behoben werden sollen. Darüber hinaus bildet die Erhebung und Spezifikation von Verbesserungswünschen und Wunschvorstellungen – bzw. von neuen Anforderungen – in Form von neuen Zielvorstellungen, die man mit der modernisierten Netzwerkinfrastruktur erreichen möchte, ein weiteres Ziel. Im Falle der Ist-Analyse beim Design einer vollkommen neuen Netzwerkinfrastruktur geht es zuerst um die Erhebung von Anforderungen und anschließend um die Festlegung von Zielvorstellungen sowie die Ermittlung von potenziellen Schwachstellen, die zukünftig denkbar wären. Als potenzielle Schwachstellen werden vor allem solche Schwachstellen verstanden, die eine Verringerung der Systemverfügbarkeit verursachen, bzw. durch bösartige und zu Sicherheitsrisiken führenden Angriffen entstehen können.

Für die Verwirklichung von während der Ist-Analyse erhobenen Wunschanforderungen sind immer gewisse Ressourcen wie z.B. personelle Ressourcen und somit finanzielle Budgets nötig, welche nicht immer reichlich vorhanden sind. Demzufolge müssen Wunschanforderungen in der Regel während der Soll-Analyse – wie in dem nächsten Beitrag in dieser Serie erläutert werden wird – auf ihre Realisierbarkeit geprüft werden. Nur realisierbare Wunschanforderungen werden dann als Projektanforderungen angenommen und bestimmen folglich auch die Projektziele. Weil jede realisierbare Wunschanforderung meistens zu einem Projektziel führt, muss sie bereits bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Um welche Voraussetzungen es sich dabei handelt, haben wir in unserem Fachbuch beschrieben.

Um eine Zielvorstellung während der Ist-Analyse kurz und fundiert spezifizieren zu können, wurde in unserem Fachbuch ein Modell eingeführt und in Abbildung 2.2-3 dargestellt. Mit diesem Modell wird gezeigt, wie man sich eine Zielvorstellung bei der Ist-Analyse des aktuellen Zustands eines Netzwerks vorstellen kann. Dieses Modell kann auch als Basis zur Spezifikation jeder Zielvorstellung dienen.

Bild 2: Abb. 2.2-3 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte

Jeder Zielvorstellung sollte ein zutreffender Leitsatz – als eine Art Bezeichnung – zugeordnet werden, mit dem sie möglichst präzise beschrieben werden kann. Zu jeder Zielvorstellung sollten weiter folgende Angaben gemacht werden:

  • Die Wünsche, die zu einer Wunschanforderung gehören und eine Zielvorstellung bestimmen. Die erfassten Probleme und Anforderungen werden als Wünsche während der Bestandsaufnahme des Netzwerks ermittelt und während der Problem- und Anforderungsanalyse analysiert sowie einheitlich festgehalten.
  • Angaben über denkbare Systemlösungen und eventuell auch Ideen, wie sich die Zielvorstellung verwirklichen lässt. Mit jeder Systemlösung sind gewisse – feste oder auch laufende – Kosten verbunden. Diese sollte man grob abschätzen und dann entsprechend dokumentieren.
  • Die Auflistung aller Randbedingungen und Einschränkungen, die bereits einen Einfluss auf die Realisierung der betreffenden Zielvorstellung haben oder später haben können.
  • Die Abschätzung von zu erwartenden Nutzeffekten als Folgen von Stärken und Chancen, die nach der Verwirklichung der Zielvorstellung erreicht werden können, sowie von Gefahren und Risiken, mit denen man darüber hinaus rechnen muss.

 

Das Beheben einer Schwachstelle im Netzwerk kann ebenfalls als Zielvorstellung  betrachtet werden. Daher  kann jede zu behebende Schwachstelle auch in Form eines ähnlichen Modells anschaulich dargestellt und auf die gleiche Weise wie jede Zielvorstellung präzise beschrieben werden. Abbildung 2.2-4 in unserem Fachbuch verdeutlicht dies.

Die Ermittlung von Schwachstellen, die zu Problemen im Netzwerk führen, klingt zwar simpel, eine unternehmensweite Netzwerkinfrastruktur bildet allerdings ein komplexes Gebilde, sodass verschiedene Analysen durchgeführt werden müssen und die „Suche“ nach Schwachstellen häufig nicht einfach ist. Abbildung 2.3-1 in unserem Fachbuch zeigt, welche Analysen in welcher Reihenfolge durchgeführt werden sollten, um eine vollständige  Bestandsaufnahme des aktuellen Netzwerkzustands vornehmen zu können.

Bild 3: AA. 2.3-1 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte

Im Einzelnen empfiehlt es sich, für eine Bestandsaufnahme des aktuellen Netzwerkzustands die folgenden Analysen durchzuführen:

  • Analyse der Netzwerkdokumentation, um zu überprüfen, ob wichtige Bestandsteile der Netzwerkdokumentation wie Netzwerktopologieplan, Adressierungspläne, Installations- und Konfigurationspläne aktuell und vollständig sind. Im Zuge der Analyse der Aktualität der Netzwerkdokumentation sollte man direkt versuchen, alle Inhalte auf den aktuellen Stand zu bringen, da die Netzwerkdokumentation die Grundlage für die Netzwerkstrukturanalyse bildet.
  • Netzwerkstrukturanalyse, um relevante Netzwerkkomponenten zu erheben und zu überprüfen, ob sie eventuell als Schwachstellen im Netzwerk gelten oder zu bestimmten Unsicherheiten führen können.
  • Organisatorische Analyse, um organisatorische Strukturen und Abläufe, die das analysierte Netzwerk betreffen, mit dem Ziel zu untersuchen, eventuelle Schwächen zu erkennen und diese beim Netzwerk-Redesign zu beheben.
  • Technische Analyse, um technische Aspekte wie z.B. die Bereitstellung der Netzwerkdienste zu untersuchen, damit Schwachstellen entdeckt und beim Netzwerk-Redesign behoben werden können.
  • Funktionsanalyse, um zu überprüfen, ob alle wichtigen Geschäftsprozesse zufriedenstellend durch die IT-Services bzw. Netzwerkdienste unterstützt werden und ob es betreffende Schwachstellen gibt, die beim Netzwerk-Redesign behoben werden müssen.
  • Sicherheitsanalyse, als Bedrohungs- und Schutzbedarfsanalyse, soll mit dem Ziel durchgeführt werden, zu untersuchen, ob es Sicherheitsprobleme (Sicherheitsschwachstellen) gibt, wodurch die Netzwerksicherheit beeinträchtigt werden könnte. Hierbei sollen zuerst alle möglichen Bedrohungen analysiert werden (Bedrohungsanalyse), die diese Sicherheitsprobleme verursachen, danach sollte man untersuchen, wo Schutzbedarf besteht (Schutzbedarfsanalyse). Auf die Sicherheitsanalyse geht Kapitel 6 in unserem Fachbuch detailliert ein.
  • Kostenanalyse, um die gesamten Netzwerkkosten abzuschätzen und um eventuell Stellen zu erkennen, an denen Kosten entstehen, die sich beim Netzwerk-Redesign abbauen lassen, wodurch die gesamten Netzwerkkosten reduziert werden können.

Was in diesen Analysen untersucht werden soll sowie weitere Inhalte der strategischen Analyse werden im Kapitel 2 unseres Fachbuchs vorgestellt.

Abschließend möchten wir die in unserem Buch ausführlich präsentierten – hier aber nur kurz erwähnten –  Ziele, Vorgehensweisen und Schwerpunkte der Ist-Analyse kurz wie folgt zusammenfassen:

Ziele und Schwerpunkte der Ist-Analyse: Eine Ist-Analyse, als Analyse der aktuellen Netzwerkinfrastruktur, ist notwendig, um einerseits alle Probleme/Schwachstellen, die durch das Netzwerkprojekt gelöst werden sollen, und andererseits alle Anforderungen an das Projekt als neue Wünsche/Ziele erfassen zu können. Hierbei stellt sich die zentrale Frage: Was sollte man überhaupt analysieren? Die Antwort lautet: alle strategischen, technischen, organisatorischen, funktionellen und sicherheitsrelevanten Aspekte. Erfasste Probleme und Anforderungen müssen anschließend noch weiter analysiert/untersucht werden, sodass eine Problem- und Anforderungsanalyse nötig ist, damit die Probleme und Anforderungen in einer einheitlichen Form als Wunschanforderungen an das Projekt dokumentiert werden können.

Dokumentation der Ist-Analyse: Damit man die Ergebnisse der Ist-Analyse einheitlich, präzise und übersichtlich dokumentieren kann, ist ein Referenzmodell hilfreich. Ein solches Modell der Ist-Analyse beim Design- bzw. Redesign eines Netzwerkbereichs wurde in unserem Fachbuch vorgestellt. Als Ergänzung zu diesem Referenzmodell wurden zwei weitere Modelle in den Abschnitten 2.2.2 und 2.2.3 eingeführt – und zwar: „Modell einer Zielvorstellung“ und „Modell einer Schwachstelle“. Diese beiden Modelle illustrieren, welche Angaben man benötigt, um eine neue Zielvorstellung oder eine bestehende Schwachstelle einheitlich und präzise zu beschreiben bzw. zu dokumentieren. Wurden alle Wunschanforderungen – oft durch verschiedene Personen getrennt – erfasst, so sollten diese abschließend auf eventuelle Unkorrektheiten bzw. andere Unzulänglichkeiten überprüft und dann einheitlich spezifiziert werden.

Bestandsaufnahme des Ist-Zustands: Der Schwerpunkt der Ist-Analyse ist eine breite Bestandsaufnahme des Ist-Zustands – also der aktuellen Situation im Netzwerk. Um diese Bestandsaufnahme durchzuführen, ist eine strukturierte Vorgehensweise nötig. Es sei darauf verwiesen, dass, falls es sich beim Projekt um ein Netzwerk-Redesign handelt, als Grundlage zur Analyse des aktuellen Netzwerkzustands die Dokumentation des Netzwerks dienen sollte. Daher muss, als allererste Aufgabe bei der Bestandsaufnahme eines Netzwerks, dessen Dokumentation auf ihre Aktualität überprüft werden. Ist die Netzwerkdokumentation aktuell, kann man mit der Bestandsaufnahme des Ist-Zustands im Netzwerk beginnen – d.h. zuerst mit der Erhebung aller Systeme und Anwendungen und anschließend mit funktionellen, strategischen, organisatorischen und technischen Analysen.

Problem- und Anforderungsanalyse: Die Bestandsaufnahme des Ist-Zustands in einem Netzwerk führt einerseits zur Erhebung existierender Probleme und bestehender Schwachstellen, die bei der Durchführung des Netzwerkprojekts behoben werden sollen, und andererseits zur Erfassung von neuen Anforderungen als Wünsche, die mit dem Netzwerkprojekt verwirklicht werden sollen. Die erhobenen Probleme/Schwachstellen und die erfassten Wünsche werden oft „grob“ und nicht einheitlich beschrieben. Aus diesem Grund sollte anschließend eine Problem- und Anforderungsanalyse durchgeführt werden, um erhobene Probleme/Schwachstellen und neue Wünsche möglichst einheitlich und präzise zu beschreiben sowie diese als Wunschanforderungen an das Projekt zu spezifizieren. Anzunehmen ist, dass die Wunschanforderungen während der nach der Ist-Analyse folgenden Soll-Analyse auf ihre Realisierbarkeit unter Berücksichtigung vorhandener Ressourcen und anderer Randbedingungen überprüft werden müssen.

Spezifikation von Wunschanforderungen: Die während der Problem- und Anforderungsanalyse verfassten Wunschanforderungen müssen in einer einheitlichen Form als „Katalog von Wunschanforderungen“ spezifiziert werden. Dieser Katalog sollte übersichtlich und gut strukturiert sein und kann in Form eines Strukturplans dargestellt werden. Eine derartige Form des Katalogs hat große Vorteile. Diese werden im Fachbuch Netzwerkprojekte genauer dargestellt.

Abhängigkeiten zwischen Wunschanforderungen: Einige Wunschanforderungen – und dadurch auch einige Projektziele – können voneinander abhängig sein, d.h., sie können sich gegenseitig beeinflussen. Um Wunschanforderungen und folglich die auf deren Basis definierten Projektziele zu verwirklichen, werden zuerst Projektaufgaben bestimmt und diese danach den einzelnen am Projekt beteiligten Personen zugeteilt. Dies führt jedoch dazu, dass die Abhängigkeiten zwischen Wunschanforderungen die Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Teilaufgaben bestimmen und somit auch die Koordination der Ausführung einzelner Aufgaben im Laufe des Projekts sehr stark beeinflussen. Somit müssen die Abhängigkeiten zwischen Wunschanforderungen bereits während der Ist-Analyse erfasst und übersichtlich aufgelistet werden, um eine Grundlage für die Koordination von Projektaufgaben zu liefern. Wie dies erfolgen kann, wird im Fachbuch Netzwerkprojekte gezeigt.

 

Damit möchten wir diesen Beitrag abschließen. Wir hoffen, Ihnen eine anschauliche Darstellung der Ist-Analyse bei den Netzwerkprojekten gegeben zu haben, und verbleiben bis zum nächsten Beitrag über die Soll-Analyse.

Ihre Autoren

Anatol Badach und Sebastian Rieger

 

Weitere Informationen zum  Thema finden Sie auf der Buchseite Netzwerkprojekte. Planung, Realisierung, Dokumentation und Sicherheit von Netzwerken.

Badach/Rieger, Netzwerkprojekte

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