Überwachungsmöglichkeiten von eBook-Readern und -Apps

nachdem ich letzten Freitag zur Langen Nacht des E-Books bei Hanser zum Thema „Privatsphäre beim digitalen Lesen“ referiert hatte, wurde ich von Verlag gebeten, den Inhalt des Vortrages noch einmal als Beitrag hier bei Hanser Update einzustellen. Dem komme ich nun sehr gerne nach!

Dass die zunehmende Digitalisierung unserer Welt neben vielen Chancen auch erhebliche Risiken mit sich bringt, kann man heute an vielen Beispielen beobachten. Die zunehmende Verlagerung unseres privaten und öffentlichen Lebens ins Internet und die damit einhergehenden Gefahren, die von sogenanntem Stalking bis zu Identitätsdiebstahl reichen, ist nur ein Beispiel dafür.

Die Berechtigungen populärer eBook-Apps

Doch trotz aller Erfahrungen der letzten Jahre, verschließen wir häufig die Augen vor den Gefahren neuer Technologien. So auch bei eBook-Readern und eBook-Apps. Dabei sind diese Geräte geradezu prädestiniert dazu, uns rund um die Uhr zu überwachen, schließlich tragen wir diese Geräte ständig mit uns herum. Wie ausgeprägt die Überwachung durch Herstellerunternehmen von Apps bereits ist, das verrät ein Blick auf die Berechtigungen, die besonders populäre Apps auf dem Handy haben: Von sieben Apps haben insgesamt drei, nämlich die Apps Marvel Comics, Thalia E-Books und Amazons Kindle-App, die Berechtigung, Telefonstatus lesen, und können damit nicht nur die Telefonnummer des jeweiligen Nutzers abrufen, sondern auch dessen eindeutige IMEI, eine Art Seriennummer, die es möglich macht, den Benutzer über lange Zeit eindeutig zu identifizieren. Doch das ist noch längst nicht alles. Einige Apps gehen einen wesentlichen Schritt weiter (zum Beispiel die App EBook Reader oder Thalia E-Books) und erfordern die Berechtigung Aktive Apps abrufen, mit der es ohne weiteres möglich ist, Statistiken über die Häufigkeit der Nutzung einzelner Apps zu erstellen und so mehr über die Gewohnheiten und Vorlieben eines Nutzers zu erfahren. Noch eine Spur dreister präsentiert sich das Unternehmen Marvel, das sich für seine App Marvel Comics sogar die Berechtigung zur Ermittlung des geografischen Standortes seiner Nutzer einräumen lässt.[1]

Tabelle 1: Berechtigungen populärer eBook Apps auf Android Geräten (Quelle: Google Play)

Tabelle 1: Berechtigungen populärer eBook Apps auf Android Geräten (Quelle: Google Play)

Wenn man sich einmal klar macht, zu welchen Überwachungsmaßnahmen die Hersteller dieser Apps alleine durch die genannten Berechtigungen befähigt werden, erkennt man, dass es keineswegs harmlos ist, eBooks auf mobilen Endgeräten wie Tablets oder Smartphones zu lesen. Im Grund können von der Telefonnummer bis hin zu Positionsdaten zahlreiche Informationen vom Nutzer einer App entwendet werden. Das erlaubt es den Unternehmen nicht nur, vollständige Kontaktinformationen über ihre Nutzer zu ermitteln, sondern auch, beinahe lückenlose Bewegungsprofile ihrer Nutzer zu generieren. Damit ist es dann wiederum möglich, Rückschlüsse auf Gewohnheiten, Arbeitsstätten und die Freizeitgestaltung der Nutzer zu ziehen.

Privatsphäre mit eBook-Readern

Doch alle genannten Gefahren beziehen sich nur auf Smartphones und Tablets, oder? Ist man vor diesen Gefahren nicht sicher, wenn man einen eBook-Reader nutzt? Mitnichten. Es gibt heute kaum noch einen eBook-Reader, der nicht internetfähig und damit in der Lage ist, Informationen über Nutzer an den Hersteller zu übermitteln.

Es ist zwar nicht ganz so einfach, an so brisante Informationen wie Positionsdaten zu gelangen, doch immerhin lässt sich eine ungefähre Ortung der Nutzer anhand ihrer IP-Adresse vornehmen[2]. Dieses Verfahren ermöglicht es immerhin, Nutzer der nächsten größeren Stadt zuzuordnen und je nachdem, welche Zusatzinformationen vorliegen, sogar den Standort noch wesentlich genauer zu bestimmen. Gerade eBook-Reader mit denen sich WLAN-Netzwerke, wie die der Telekom, kostenlos nutzen lassen, könnten anhand der Informationen, die durch diese WLAN-Netzwerke bereitgestellt werden, fast punktgenau geortet werden. Auf diese Weise können die Hersteller von eBook-Readern ausreichend viele Informationen über einen Nutzer gewinnen, um zumindest seinen ungefähren Wohnort sowie sein Reiseverhalten zu studieren.

Abbildung 1: Mithilfe der IP-Adresse ist es möglich, den Standort eines Nutzers mehr oder weniger genau zu bestimmen. (Quelle: utrace.de)

Abbildung 1: Mithilfe der IP-Adresse ist es möglich, den Standort eines Nutzers mehr oder weniger genau zu bestimmen. (Quelle: utrace.de)

Doch das ist längst nicht alles: Durch die meist zentrale Verwaltung von E-Books in Clouds oder den zentralen Einkauf in Onlineshops wie Amazon oder Weltbild, haben die Betreiber dieser Online-Dienste (meist sind das auch die Hersteller der Geräte) äußerst genau Informationen darüber, was ein Nutzer liest. Besonders wenn der Nutzer nur noch eBooks liest und diese auch zentral einkauft, haben die Betreiber so umfassende Informationen über Lese- und Kaufgewohnheiten des Nutzers, dass sie damit sehr genaue Persönlichkeitsanalysen anfertigen können.

Wie genau solche Analysen ausfallen, das kann man selbst beobachten, wenn man sich beispielsweise bei Amazon die automatisch generierten, individuellen Werbeanzeigen ansieht. In den meisten Fällen stimmen die Anzeigen mit den tatsächlichen Vorlieben und Bedürfnissen der Nutzer erstaunlich gut überein. Selbstverständlich müssen jede Menge persönliche Daten des Nutzers vorliegen, um eine solche Übereinstimmung überhaupt erst zu erreichen.

Soziale Netzwerke und eBook-Reader

Oft sind es nicht nur die Hersteller von eBook-Readern, die unsere Privatsphäre bedrohen, sondern häufig lassen wir uns auch selbst dazu verleiten, zahlreiche Informationen über uns preiszugeben. Durch die Integration sozialer Netzwerke in eBook-Reader, die es uns erlaubt, Textausschnitte während des Lesens in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, besteht die Gefahr, dass wir ganz nebenbei Informationen über uns auch in sozialen Netzwerken preisgeben.

Wer regelmäßig Zitate aus seinen Büchern veröffentlicht, der gibt zumindest preis, welche Bücher er liest, häufig aber auch, welche Abschnitte dieser Bücher ihn besonders interessieren. Mithilfe dieser Informationen können selbst Laien grundsätzliche Charaktereigenschaften einer Person feststellen. Experten und spezielle Software sind hier jedoch noch zu wesentlich detaillierteren Analysen im Stande.[3]

Weitere Überwachungsmöglichkeiten

Wie zu Beginn erwähnt, sind die Ausmaße der Überwachung, die mit eBook-Readern möglich ist, jedoch noch nicht einmal annähernd erforscht. Trotzdem sind bereits heute Überwachungstechnologien denkbar, mit denen Gewohnheiten und Vorlieben einer Person äußerst effektiv analysiert werden können. Alleine das Protokollieren von Aktivitätszeiten, wie das von Amazons Kindle offenbar bereits getan wird, immerhin kann er aufgrund von Erfahrungswerten voraussagen, wie lange eine spezifische Person noch benötigen wird, bis sie das Kapitel fertig gelesen hat, könnte Unternehmen in die Lage versetzen, Rückschlüsse auf Arbeitszeiten, die Länge des Arbeitswegs, die Freizeitgestaltung und Lesegewohnheiten generell zu ziehen. In Kombination mit anderen Überwachungsmaßnahmen wären so Persönlichkeitsanalysen denkbar, die denen von Unternehmen wie Facebook und Google kaum noch nachstehen.

Eine derart unkontrollierbare Technologie sollte man auf jeden Fall mit Vorsicht genießen. Immerhin ist das klassische Buch aus Papier auch heute noch eine echte Alternative.

Weitere Informationen, insbesondere Bildmaterialien gibt es auch als Foliensatz im Download-Bereich meiner Seite http://it-news-blog.org/downloads/ oder über den Direktlink http://it-news-blog.org/?wpdmact=process&did=Ni5ob3RsaW5r.


 

[1]      Weitere Informationen zu den Berechtigungen populärer Apps gibt es auf der Seite the digital Reader: www.the-digital-reader.com/2013/12/20/just-much-android-ebook-reader-apps-know

[2]       Auf Webseiten wie utrace.de können Sie selbst ausprobieren, wie genau sich der Standort einer IP-Adresse bestimmen lässt.

[3]     Die Seite youarewhatyoulike.com zeigt, wie einfach es anhand der Gefällt Mir! Angaben auf Facebook grundsätzliche Charaktereigenschaften eines Menschen zu analysieren.