Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nach dem wir Ihnen in den bisherigen Beiträgen gezeigt haben, wie man typische Probleme während der Planungsphase in Netzwerkprojekten „bewältigen“ kann, schlägt schon die Stunde 6 in unserem „Uhrmodell“ auf dem Poster (s. ersten Beitrag), bei der wir uns jetzt der Wirtschaftlichkeitsanalyse von Netzwerkprojekten widmen möchten. Da Netzwerkprojekte in der Regel relativ große Inves­titionskosten verursachen, ist deren Wirtschaftlichkeit, insbesondere in Zeiten der Finanzknappheit, von enorm großer Bedeutung. Netzwerkprojekte sollte man nicht nur im monetären Sinne im Hinblick auf deren finanziellen Vorteile, sondern auch bezüglich anderer nicht-monetärer Nutzeffekte analysieren und dementsprechend beurteilen. Eine Überprüfung der Netzwerkprojekte auf deren Wirtschaftlichkeit im monetären wie auch im nicht-monetären Sinne ist somit oft unabdingbar. Um alle nicht-monetären Nutzeffekte, die bei Netzwerkprojekten entstehen, zu berücksichtigen, ist eine multidimensionale, mehrere Aspekte berücksichtigende Wirtschaftlichkeitsanalyse notwendig.

Um Ihnen dabei zu helfen, möchten wir in diesem Beitrag, welcher auf dem Kapitel 7 aus unserem Fachbuch Netzwerkprojekte basiert, kurz folgendes präsentieren:

  • Eine Verkettung von Nutzeffekten, die bei Netzwerkprojekten entsteht (Abb. 7.1-1), wobei mehrere Kategorien von Nutzeffekten berücksichtigt werden müssen (Abb. 7.1-2), führt zu multidimensionalen Wirtschaftlichkeitsanalysen von Netzwerkprojekten.
  • Multidimensionale Wirtschaftlichkeitsanalysen von Netzwerkprojekten bestehen aus einer Analyse, die mehrere Indikatoren/Betrachtungskriterien (Abb. 7.1-5) berücksichtigen muss.
  • Wie kann man eine Wirtschaftlichkeitsanalyse im monetären Sinne (Abb. 7.2-2) sowie im nicht-monetären Sinne (Abb. 7.3-1) durchführen?
  • Welche Bedeutung hat die TCO-Analyse (Total Cost of Ownership) und welche Aussage „liefert“ die Kenngröße ROI (Return on Investment)

Netzwerkprojekte und Verkettung der Nutzeffekte

Das Netzwerk wird heutzutage in keinem Unternehmen und keiner Institution zum Selbstzweck aufgebaut, sondern soll verschiedene Dienste erbringen, damit man auf deren Grundlage bestimmte IT-Services einrichten kann. Die IT-Services wiederum dienen zur Unterstützung der Geschäftsprozesse und Arbeitsabläufe. Netzwerkdienste, IT-Services und Geschäftsprozesse stehen damit zueinander in einer Hierarchie, die eine Wirkungskette bilden. Abbildung 7.1-1 in unserem Fachbuch illustriert dies näher und bringt zum Ausdruck, dass – als Folge der Verkettung von Wirkungen und der dadurch entstandenen Hierarchie von Nutzeffekten – die einzelnen Nutzeffekte nicht getrennt analysiert, sondern gemeinsam erfasst, betrachtet und bewertet werden sollten. Dadurch entsteht also ein Erfassungs- und Bewertungsproblem.

Abb. 7.1-1 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Wie hier ersichtlich ist, ermöglichen die Netzwerkdienste – insbesondere Datenübermittlungsdienste als Netzwerknutzen – die Realisierung verschiedener IT-Services (wie z.B. E-Mail-, VoIP-Services, Webanwendungen, …) und diese unterstützen direkt die Geschäftsprozesse und Arbeitsabläufe. Folglich haben die IT-Services eine direkte Wirkung auf die Geschäftsprozesse und Arbeitsabläufe – und die vom Netzwerk erbrachten Dienste nur eine indirekte. Dank des Netzwerknutzens steigt die Effizienz der Geschäftsprozesse, werden neue Geschäftsprozesse generiert und einige Arbeitsabläufe beschleunigt, wodurch mittelbar z.B. die Produktivität steigt. Dies führt sowohl zu einer Kostensenkung als auch zu einer Umsatzsteigerung. Diese Nutzeffekte lassen sich zwar monetär ermitteln bzw. als monetäre Summe berechnen, es entsteht hierbei aber die „große Frage“: In welchem Maße (z.B. in Prozenten) hat das gesamte Netzwerk zu dieser Umsatzsteigerung beigetragen? Eine solche Frage lässt sich nicht genau beantworten.

Kategorien der Nutzeffekte – dank der Netzwerkprojekte

Die in Abbildung 7.1-1 dargestellte direkte Abhängigkeit der Geschäftsprozesse von IT-Services und die indirekte Wirkung der Netzwerkdienste auf die Geschäftsziele müssen bei der Wirtschaftlichkeitsanalyse der Netzwerkprojekte berücksichtigt werden. Hierfür sollte man die aus dem Netzwerkbetrieb – und somit auch infolge eines Netzwerkprojekts erzielbaren Nutzeffekte – entsprechend klassifizieren, um alle Kategorien von Nutzeffekten zu berücksichtigen und sie auch entsprechend nach deren Relevanz in die Wirtschaftlichkeitsanalyse mit einzubeziehen. Hierfür zeigt Abbildung 7.1-2 eine Klassifizierung der Netzwerknutzeffekte nach deren Wirkung (direkt, indirekt) sowie eine Möglichkeit, diese monetär zu bewerten.

Abb. 7.1-2 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Die hier dargestellte Klassifizierung der Netzwerknutzeffekte trägt dazu bei, dass wir eine multidimensionale Wirtschaftlichkeitsanalyse, d.h. eine Analyse unter Berücksichtigung von hier eingeführten monetären und nicht-monetären Indikatoren, durchführen können – und diese möchten wir Ihnen jetzt kurz vorstellen.

Multidimensionale Wirtschaftlichkeitsanalyse

Um Netzwerkprojekte im Hinblick auf alle quantitativen, qualitativen und strategischen Nutzeffekte bewerten zu können, muss deren Wirtschaftlichkeit unter Berücksichtigung mehrerer Aspekte, welche als Nutzkategorien angesehen und quasi wie Betrachtungsdimensionen interpretiert werden können, analysiert werden. Abbildung 7.1-5 illustriert dies und zeigt, um welche Betrachtungsdimensionen es sich hierbei handelt.

 

Abb. 7.1-5 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Anmerkung: Das hier gezeigte Modell der Wirtschaftlichkeitsanalyse entspricht dem als WiBe bezeichneten Instrument für wirtschaftliche Untersuchungen von IT-Projekten. Die WiBe (Wirtschaftlichkeitsbetrachtung) wurde im Auftrag des Bundesministeriums des Inneren (BMI) zur Durchführung von Wirtschaftlichkeitsanalysen der in öffentlichen Institutionen geplanten und realisierten IT-Projekte entwickelt. Dieses Modell liegt mittlerweile als Version WiBe 4.1 (2007) vor. Gemäß §7 BHO (Bundeshaushaltordnung) ist die Anwendung der WiBe bei IT-Projekten im öffentlichen Bereich de facto erforderlich. Bei Netzwerkprojekten im Bereich der Privatwirtschaft kann die WiBe gleichermaßen erfolgreich angewandt werden – und liefert hierfür gute Ideen.

Im Weiterem möchten wir Ihnen zwei Beispiele zeigen – und zwar: Wie man eine monetäre Kosten/Nutzen-Analyse und eine nicht monetäre Analyse der Dringlichkeit des Netzwerk-Redesign durchführen kann.

Wirtschaftlichkeitsanalyse im monetären Sinne

Die Analyse der monetären Wirtschaftlichkeit eines Netzwerkprojekts bereits während der Netzwerkplanung und -realisierung ist von fundamentaler Bedeutung. Diese Wirtschaftlichkeitsanalyse stellt eine Kosten/Nutzen-Analyse dar, in der alle im Zeitraum der Netzwerkplanung und -realisierung entstandenen Kosten einerseits und alle geldlich bewertbaren Nutzeffekte andererseits erfasst und verglichen werden.

Um diese Analyse anschaulich erläutern zu können, zeigt Abbildung 7.2-2 die aus der WiBe KN (s. Abb. 7.1-5) entnommene Auflistung der bei der Netzwerkplanung und -realisierung entstehenden Kostenarten. Die Nutzeffekte in diesem Zeitraum können eventuell aus der Ablösung des Altsystems (Netzwerks) in Form von Kosteneinsparungen oder als einmalige Erlöse (z.B. aus dem Verkauf einiger Systemkomponenten) erzielt werden.

Abb. 7.2-2 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Es ist hervorzuheben, dass der hier gezeigte Katalog mit Kostenarten und Nutzeffekten von der WiBe KN nur als Beispiel dienen soll. Dieser Katalog kann an die Gegebenheiten jedes Netzwerkprojekts in der Privatwirtschaft angepasst werden.

TCO-Analyse und ihre Bedeutung

Eine Kostenanalyse kann auch durchgeführt werden, um eine wichtige, als TCO bezeichnete Kenngröße zu ermitteln. Unter TCO (Total Cost of Ownership) versteht man die Gesamtkosten für ein technisches System (bzw. für eine technische Einrichtung) unter Berücksichtigung aller direkten und indirekten Kosten, die über einen festgelegten Zeithorizont (z.B. von 3 Jahren) entstehen, in dem das System eingesetzt wird. In diesem Zusammenhang spricht man auch vom TCO-Modell. Darunter wird ein Referenzvorgehensmodell zur Ermittlung/Schätzung von monetären Gesamtkosten für ein technisches System verstanden – für Näheres über TCO s. Abschnitt 7.2.3 im Fachbuch Netzwerkprojekte.

Die TCO-Analyse eines Netzwerks anhand eines TCO-Modells ermöglicht es somit, die monetären Gesamtkosten für das Netzwerk über einen festgelegten Zeithorizont zu ermitteln. Dabei werden die Investitionskosten, d.h. die während der Netzwerkplanung und -realisierung entstandenen Kosten, die laufenden Betriebskosten sowie alle sonstigen, mit dem Netzwerk verbundenen Kosten in die TCO-Analyse mit einbezogen.

Für die Durchführung von TCO-Analysen werden verschiedene Software-Tools angeboten. Bei deren Nutzung besteht die TCO-Analyse hauptsächlich in der Eingabe von monetären Aufwendungen. Mithilfe von Software-Tools können oft alle Kosten (direkte feste und laufende sowie indirekte) im Einzelnen erfasst werden.

Nicht-monetäre Wirtschaftlichkeitsanalysen

Um ein Netzwerkprojekt im Hinblick auf alle nicht-monetären Nutzeffekte bewerten zu können, muss seine nicht-monetäre Wirtschaftlichkeit unter Berücksichtigung mehrerer Aspekte analysiert werden, die als Nutzkategorien zu betrachten sind. Von großer Bedeutung (s. auch Abb. 7.1-5) sind die folgenden Analysen der nicht-monetären Wirtschaftlichkeit:

  • Analyse der Dringlichkeit des Netzwerk-Redesign,
  • Analyse der qualitativ-strategischen Wirtschaftlichkeit,
  • Analyse der Wirtschaftlichkeit infolge externer Effekte.

Diese Analysen sind sog. Nutzwertanalysen, in denen einzelne, nicht-monetäre Kriterien und Nutzeffekte mit Punkten im Bereich von 0 bis 10 bewertet werden. An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass die WiBe 4.1 die einzelnen Kriterien und Nutzeffekte genau erläutert und ebenfalls eine Bewertung anhand einer Punkteskala vorschlägt.

Als Beispiel für eine nicht-monetäre Wirtschaftlichkeitsanalyse möchten wir Ihnen die Analyse der Dringlichkeit des Netzwerk-Redesign kurz vorstellen.

Analyse der Dringlichkeit des Netzwerk-Redesign

Falls sich ein Netzwerk langsam seiner „Altersgrenze“ nähert, sind die eingesetzten Systemkomponenten oft nicht mehr genügend leistungsfähig sowie auch nicht länger betriebssicher, demzufolge zeigt dessen Wirtschaftlichkeit eine abnehmende Tendenz (s. Abb. 7.1-4 im Fachbuch). Die Wirtschaftlichkeit kann allerdings häufig nicht allein durch verschiedene geldliche Einsparungen drastisch verbessert werden. Stattdessen muss in der Regel das ganze Netzwerk modernisiert werden. Es muss also eine Ablösung des „Altsystems“ erfolgen. Hierfür ist ein entsprechendes Projekt für das Netzwerk-Redesign nötig. Die Dringlichkeit dieses Vorhabens muss auf eine entsprechende Art und Weise transparent analysiert und begründet werden. Eine solche Analyse nach den aus WiBe D entnommenen Dringlichkeitskriterien zeigt Abbildung 7.3-1. Die hier gezeigte Liste von Kriterien dient nur als Beispiel und sollte an die jeweiligen Gegebenheiten eines Netzwerkprojekts angepasst werden.

Abb. 7.3-1 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Es sei hervorgehoben, dass die Analyse der Dringlichkeit eines Netzwerkprojekts eine Nutzwertanalyse ist. Während dieser Analyse werden die einzelnen Kriterien mit Punkten bewertet.

Wirtschaftlichkeit von Investitionen in Netzwerke – Return on Investment und Amortisationsdauer

Wenn man ein Netzwerkprojekt und die damit verbundenen Investitionen hinsichtlich deren Wirtschaftlichkeit untersucht, sollte man auch versuchen eine Antwort auf die Frage zu erhalten, welcher konkrete monetäre Nutzen in Form positiver monetärer Rückflüsse nach der Investition entsteht und ab wann man mit diesem Nutzen rechnen könnte. Um diese Frage zu beantworten, sollte man die folgenden zwei Kenngrößen ermitteln:

  • Return on Investment (ROI), um eine Aussage darüber zu erhalten, ob die geplante/getätigte Investition insgesamt im monetären Sinne wirtschaftlich ist – also, ob sich die Investition rentiert/lohnt;
  • Amortisationsdauer, um zu erfahren, ab wann man mit einem monetären Nutzen dank der Investition überhaupt rechnen kann – also, ab wann man das Geld, das man ausgegeben hat, schrittweise wieder zurückerhält.

Als Amortisationsdauer (Wiedergewinnungsdauer) versteht man die Zeit, in der die Investitionskosten aus den jährlich infolge der Investition generierten Gewinnen (Rückflüssen) zurückgewonnen werden können. Nach dieser Zeit beginnt die sog. Gewinnzone. Die Amortisationsdauer hat bei heutigen, technischen Investitionen eine enorm große Bedeutung. Anhand der Amortisationsdauer kann eine Aussage über das wirtschaftliche Risiko jedes technischen Projekts – und damit auch jedes Netzwerkprojekts – getroffen werden. Sollte die Amortisationsdauer einer Investition in ein technisches System länger als seine, durch die Technologiezyklen bedingte, Lebenszeit sein, dann ist die Investition als unwirtschaftlich zu beurteilen. Dies bezieht sich jedoch nur auf eine rein „monetäre“ Betrachtung! In diesem Fall besteht das wirtschaftliche Risiko darin, dass das System sich nie amortisieren wird.

In diesem Beitrag haben wir Ihnen allgemeine Probleme, welche bei der Wirtschaftlichkeitsanalyse von Netzwerkprojekten entstehen, kurz erläutert und dabei auch gezeigt, wie man die Wirtschaftlichkeit von Netzwerkprojekten analysieren und bewerten kann. Wir würden uns freuen, wenn die hier präsentierten Inhalte für Sie in Ihrem eigenen Netzwerkprojekt von Nutzen sind und verbleiben bis zum nächsten Beitrag über die Vorgehensweise während der Netzwerkrealisierung.

Ihre Autoren

Anatol Badach und Sebastian Rieger

 

Weitere Informationen zum  Thema finden Sie auf der Buchseite Netzwerkprojekte. Planung, Realisierung, Dokumentation und Sicherheit von Netzwerken.

Badach/Rieger, Netzwerkprojekte