Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nun schlägt die Stunde 7 in unserem „Uhrmodell“ auf dem Poster (s. ersten Beitrag: Netzwerkprojekte – typische Probleme und wie man sie bewältigen kann) und damit beginnt die zweite Phase im Netzwerkprojekt – also die Netzwerkrealisierung. Nehmen wir an: An einem neuen Standort entsteht eine neue Niederlassung eines Unternehmens. Dafür wurden mehrere Gebäude gebaut und das Netzwerk geplant. Dessen Systemkonzept ist fertig, d.h. die technische Spezifikation des Systementwurfs und das Lastenheft mit Vorgaben zur Realisierung liegen bereits vor. Sie müssen nun in diesem Unternehmen die Netzwerkrealisierung koordinieren. Sie sind also für die Netzwerkrealisierung verantwortlich und überlegen sich: Wie soll ich vorgehen? Worauf muss ich dabei achten, um eventuelle Risiken zu vermeiden? Um Ihnen hierbei zu helfen, gehen wir in diesem Beitrag auf folgende Fragestellungen ein:

  • Wie sollte man bei der Netzwerkrealisierung vorgehen? Wie kann man diese Projektphase auf eine durchdachte und gut strukturierte Art und Weise umsetzen?
  • Welche Bedeutung hat ein Lastenheft bei Netzwerkprojekten und wie sollte es strukturiert werden?
  • Worauf sollte man während der Netzwerkrealisierung achten?
  • Welche Handbücher sollte man für welche Zwecke während der Netzwerkrealisierung verfassen?

Netzwerkrealisierung – allgemeine Vorgehensweise und Aufgaben

Sämtliche organisatorische, bei der Realisierung eines Netzwerks zu erledigende, Aufgaben einerseits und die technische Realisierung des Netzwerks andererseits sollte man auf eine Reihe zusammenhängender Aktivitäten aufteilen. Diese Aktivitäten müssen dann in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten realisiert werden. Abbildung 8.1-1 in unserem Fachbuch Netzwerkprojekte zeigt die allgemeine Vorgehensweise bei der Netzwerkrealisierung und bringt hierbei zum Ausdruck, dass die „Endergebnisse“ der Netzwerkplanung – und zwar: Spezifikation des Systementwurfs und das sog. Lastenheftals Basis für die Netzwerkrealisierung dienen.

Abb. 8.1-1 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Das Lastenheft (Requirements Specification) – als Spezifikation von sämtlichen Vorgaben zur Netzwerkrealisierung – spezifiziert seitens des Auftraggebers alle an das zu realisierende Netzwerk verbindlich gestellten Anforderungen und verschiedene Rahmenbedingungen, dient somit als Grundlage für die Ausschreibung und liefert den potenziellen Anbietern die Basis für die Angebotserstellung. Das Lastenheft ist somit in der Regel auch Bestandteil des Vertrags zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer.

Anmerkung: Nach DIN 69901-5 beschreibt das Lastenheft als die Gesamtheit der Forderungen an die Lieferungen und Leistungen eines Auftragnehmers innerhalb eines (Projekt-)Auftrags. In der im öffentlichen Bereich geltenden Richtlinie UfAB (Unterlage für Ausschreibung und Bewertung von IT-Leistungen) wird statt Lastenheft der Begriff „Leistungsbeschreibung“ verwendet. Im Bereich „Bau und Anlagenbau“ wird das Lastenheft als Leistungsverzeichnis bezeichnet.

Struktur des Lastenhefts

Wie in Abbildung 8.1-1 ersichtlich ist, liefert das Lastenheft die Vorgaben des Auftraggebers zur Netzwerkrealisierung und enthält alle relevanten Anforderungen an das Netzwerk sowie zusätzliche Angaben, die man zur Realisierung des Netzwerks benötigt. Beim Netzwerk-Redesign – im privaten Bereich – kann es sich auch um einen Folgeauftrag handeln – d.h.: die Modernisierung des Netzwerks. Damit man die volle Kompatibilität der neuen Systemkomponenten mit alten noch betriebsfähigen garantieren kann, sollte die Modernisierung möglichst vom gleichen Netzwerkdienstanbieter als erneuten Auftragnehmer erfolgen. In diesem Fall wird das Lastenheft vom Auftraggeber oft in Abstimmung mit dem Auftragnehmer erarbeitet. Diese Vorgehensweise ist für beide Seiten vorteilhaft, nämlich: der Auftragnehmer kann die von ihm zu erbringende Leistung besser definieren; der Auftraggeber minimiert hierbei das Risiko, dass die vom Auftragnehmer erbrachte, vertraglich vereinbarte Leistung nicht genau seine Anforderungen erfüllt.

Abbildung 8.2-1 zeigt die Struktur des Lastenhefts; dessen Kern bilden die funktionellen und nicht-funktionellen Anforderungen an alle Netzwerkfunktionsbereiche – s. hierzu den Beitrag „Stunde 4“.

Abb. 8.2-1 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Die einzelnen Angaben im Lastenheft sind:

  • Ausgangssituation und Zielsetzung: Hier werden die Ausgangssituation (Projektumfeld) und wesentliche Ziele des Netzwerkprojekts kurz dargestellt.
  • Allgemeine Vorstellung des Netzwerkprojekts: Um die Anforderungen an die Realisierung präzise erläutern zu können, sollte das Netzwerkprojekt kurz und übersichtlich präsentiert werden.
  • Funktionelle und nicht-funktionelle Anforderungen: Diese Anforderungen bilden den Kern des Lastenhefts und können für die einzelnen Netzwerkfunktionsbereiche getrennt – quasi als einzelne Abschnitte – dargestellt werden. Als nicht-funktionelle Anforderungen sind z.B. die Qualität betreffende Anforderungen zu betrachten. Alle Anforderungen müssen so verfasst werden, dass sie die Realisierung eines Netzwerks eindeutig bestimmen und für dessen Endabnahme gut geeignet sind. Insbesondere müssen die Anforderungen eindeutig, vollständig, erfüllbar und stabil sein. Jede Anforderung sollte man so präzise spezifizieren, dass der potenzielle Auftragnehmer in die Lage versetzt wird, die den Anforderungen optimal angepasste Netzwerkinfrastruktur zu konzipieren und zu realisieren. Die Anforderungen im Lastenheft können in Muss-, Soll- und Kann-Anforderungen unterteilt werden. Die Muss-Anforderungen können dann bei der Bewertung der Angebote in sog. KO-Kriterien umgesetzt werden.
  • Lieferumfang und Abnahmekriterien: Das Lastenheft muss spezifizieren, welche Systemkomponenten geliefert werden müssen und wie viele (Lieferumfang) sowie welche Anforderungen diese Systemkomponenten erfüllen müssen (Abnahmekriterien). Sind die Abnahmekriterien nicht erfüllt, ist der Auftraggeber zur Abnahme der Lieferung nicht verpflichtet.
  • Realisierungsbedingungen: Das Lastenheft muss alle die Realisierung des Netzwerks betreffenden Rahmenbedingungen – wie Termine, besondere technische Einschränkungen etc. – spezifizieren.
  • Erfüllung von Gesetzen, Normen, Richtlinien und anderen Auflagen: In jedem Netzwerkprojekt wird die „Erfüllung von Gesetzen, Normen, Richtlinien und anderen Auflagen“gefordert. Die Anforderungen dieser Art sollten im Lastenheft entsprechend aufgelistet werden, damit deren Erfüllung einfach überprüft werden kann.
  • Voraussetzungen für die Nachverfolgbarkeit: Es muss spezifiziert werden, wie die relevanten Änderungen im Netzwerk nachverfolgt (dokumentiert) werden sollen, damit das sog. Change Management (z.B. im Rahmen des IT-Servicemanagements nach ITIL, s. Abschnitt 1.8.1 im Fachbuch Netzwerkprojekte) reibungslos realisiert werden kann. Die funktionellen und nicht-funktionellen Anforderungen sollten daher so aufbereitet werden, dass sowohl das Change Management als auch die Nachverfolgbarkeit von Änderungen möglich sein sollte.

In Anhängigkeit vom Projekt kann einLastenheft auch weitere Vorgaben enthalten.

Phasen bei der Netzwerkrealisierung

Die einzelnen Phasen – quasi Meilensteile – während der Netzwerkrealisierung sind kurz wie folgt zu charakterisieren:

  • Ausschreibung: Das Ziel dieser Aktivität ist es, die Ausschreibungsunterlagenzu erstellen,diese an potenzielle Auftragnehmer zu versenden, möglichst einen einzelnen Anbieter nach festgelegten Kriterien auszuwählen und mit ihm, als Auftragnehmer, einen Vertrag abzuschließen. Auf der Grundlage der Spezifikation des Systementwurfs und des Lastenhefts wird dann vom Auftragnehmer der Verlauf der Realisierung des Netzwerks spezifiziert und in einem sog. Pflichtenheft verfasst (s. Abschnitt 8.4 im Fachbuch Netzwerkprojekte). Der Durchführung einer Ausschreibung wird der Beitrag „Stunde 8“ gewidmet.
  • Anmerkung: Das Pflichtenheft ist mit dem Lastenheft nicht gleichzusetzen. Nach DIN 69901-5 sind im Pflichtenheft die vom Auftragnehmer erarbeiteten Realisierungsvorgaben enthalten. Das Pflichtenheft beschreibt seitens des Auftragsnehmers die Art und Weise der Umsetzung von im Lastenheft seitens des Auftraggebers spezifizierten Anforderungen.
  • Lieferung, Installation: Wurde ein Vertrag mit einem Auftragnehmer abgeschlossen, werden die Systemkomponenten von ihm geliefert und installiert. Die wichtigsten Konfigurationsangaben werden während der Installation dokumentiert. Die Konfigurationsparameter, die für die Netzwerkadministration und/oder für die Wiederherstellung des Systems nach einem Notfall (z.B. Hardwaredefekt, Feuer, Überschwemmung) von Bedeutung sind, werden entsprechend im Administrationshandbuch und im Notfallhandbuch eingetragen. Diese beiden Bücher – Administrationshandbuch und Notfallhandbuch – können hauptsächlich auf der Grundlage der Netzwerkdokumentation erstellt werden.
  • Inbetriebnahme, Abnahme: Wurden die Systemkomponenten geliefert und installiert, erfolgt die Inbetriebnahme des Netzwerks. In dieser Phase müssen zahlreiche Tests und Messvorgänge durchgeführt werden. Deren Ergebnisse können auch zur Änderung einiger Konfigurationsparameter führen. Folglich können dadurch einige Änderungen sowohl im Administrationshandbuch als auch im Notfallhandbuch notwendig werden. Nach der gelungenen Netzwerkinstallation muss eine formale Abnahme des gesamten Netzwerks erfolgen. Die wichtigsten Aspekte der Installation eines Netzwerks und dessen Inbetriebnahme werden wir im Beitrag „Stunde 9“ präsentieren.
  • Netzwerkbetrieb: Nach der Netzwerkinstallation – also nach dessen Inbetriebnahme und Abnahme – wünscht man sich einen reibungslosen Netzwerkbetrieb. Damit man diesen aufrechterhalten kann, ist ein Betriebshandbuch (BHB) zum Netzwerk unabdingbar. Im BHB sollen ausführlich, übersichtlich und präzise alle technischen Informationen/Angaben und ebenso verschiedene organisatorischeRahmenbedingungen spezifiziert werden, welche alle Netzwerkverantwortlichen benötigen, damit sie einen reibungslosen, stabilen und sicheren Netzwerkbetrieb dauerhaft garantieren können. Das BHB soll dazu beitragen, dass das gesamte Netzwerk mitsamt dessen Betreuern ein gut harmonierendes „System“ bildet. Den Beitrag „Stunde 11“ möchten wir dem Netzwerkbetrieb widmen und dabei die BHB-Struktur kurz vorstellen.

Notfallmanagement– während der Realisierung und des Betriebs eines Netzwerks

Die zunehmende Bedeutung der Netzwerke sowie deren steigende Komplexität führen dazu, dass unerwünschte Ereignisse wie bspw. Ausfälle von wichtigen Systemkomponenten, bösartige Angriffe (Schadprogramme), Feuer, extreme Wetterereignisse, Überschwemmungen oder Terrorismus usw. große, existenzbedrohende Auswirkungen verursachen können. Aus diesem Grund müssen diese Ereignisse als Notfälle betrachtet werden und ein der Gefährdung entsprechendes Notfallmanagement ist somit unabdingbar. Ein „Grundstein“ für das Notfallmanagement muss bereits während der Netzwerkrealisierung „gelegt“ und dieser Prozess während des Netzwerkbetriebs fortgesetzt werden. Das Notfallmanagement sollte dazu beitragen, die infolge von verschiedenen Notfällen entstandenen, das Überleben eines Unternehmens oder einer Institution gefährdenden Risiken frühzeitig zu erkennen, Maßnahmen dagegen zu planen und diese erfolgreich umzusetzen. Das Notfallmanagement werden wir im Beitrag „Stunde 10“ darstellen.

Schulung – Sensibilisierung von Mitarbeitern

Am Ende jedes Netzwerkprojekts ist noch während der Netzwerkinbetriebnahme und kurz vor die Übergabe des neuen Netzwerks eine umfassende Schulung sowohl von Mitarbeitern als auch eventuell des Betriebspersonals nötig. Die Lerninhalte sollen die für Wartung und Betrieb des Netzwerks verantwortlichen Personen befähigen, das Netzwerk erfolgreich zu betreiben, zu pflegen und zu warten. Während der Schulung sollen alle Teilnehmer die Bedeutung, die Strukturierungunddabeiauch die besonders wichtigen Bestandteile der zur Garantie des Netzwerkbetriebs relevanten „Dokumente“ kennen lernen. Zu diesen Dokumenten sollten unbedingt gehören: eine Netzwerkdokumentation, ein Betriebshandbuch und ein Notfallhandbuch. Das Betriebshandbuch zum Netzwerk ist zur Gewährleistung eines reibungslosen Netzwerkbetriebs unabdingbar. Alle Mitarbeiter sollen unbedingt für typische Sicherheitsbedrohungen und dadurch entstehende Risiken sensibilisiert werden.

In diesem Beitrag haben wir Ihnen in einer „knappen“ Form dargestellt, welche Aufgaben bei der Realisierung von Netzwerken entstehen, wie man diese bewältigen muss, und dabei darauf hingewiesen, was man besonders während der Netzwerkrealisierung zu beachten hat. Wir würden uns freuen, wenn diese „Darstellungen“ für Sie nutzbar sind und verbleiben bis zum nächsten Beitrag über die Vorgehensweise während der Ausschreibung eines Netzwerks.

Ihre Autoren

Anatol Badach und Sebastian Rieger

Weitere Informationen zum  Thema finden Sie auf der Buchseite Netzwerkprojekte. Planung, Realisierung, Dokumentation und Sicherheit von Netzwerken.

Badach/Rieger, Netzwerkprojekte