Installation und Inbetriebnahme eines Netzwerks: Wie sollte man vorgehen, damit man diese Aufgaben erfolgreich meistern kann?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

im letzten, der Stunde 8 in unserem „Uhrmodell“ entsprechenden Beitrag haben wir Ihnen die Vorgehensweise bei der Ausschreibung eines Netzwerks erläutert. Wurde nach der Ausschreibung bereits ein Vertrag mit einem Auftragnehmer abgeschlossen, dann liefert dieser die Systemkomponenten, die anschließend installiert und in Betrieb genommen werden. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie müssen in Ihrem Unternehmen die Installation und Inbetriebnahme eines neuen Netzwerks koordinieren. Sie sind somit für diese sehr wichtige Phase der Netzwerkrealisierung verantwortlich. Sie überlegen und fragen sich: Wie soll ich mich darauf vorbereiten, um potenzielle Risiken zu vermeiden/minimieren? Um Ihnen dabei zu helfen, gibt dieser Beitrag Antworten auf folgende Fragestellungen:

  • Welche Aktivitäten müssen während der Installation und Inbetriebnahme eines Netzwerks durchgeführt werden und worauf muss man dabei achten?
  • Welche Arten von Vorgaben für die Netzwerkdokumentation, das Administrationshandbuch und den Notfallplan sollten bei der Netzwerkinstallation und -inbetriebnahme definiert werden, damit man den regulären Netzwerkbetrieb aufrechterhalten bzw. nach einem Desaster wiederherstellen kann?
  • Wie sollte man bei der technischen Überprüfung eines Netzwerks vorgehen? Welche Phasen sind dabei zu unterscheiden und was ist dabei zu berücksichtigen?
  • Wie sollte man sich auf die technische Überprüfung einer Abnahme eines Netzwerks vorbereiten und was muss man während der Abnahme beachten?
  • In welcher Form soll die Abnahme der Lieferung, der Installation und die Endabnahme dokumentiert werden, um potenzielle (rechtliche) Risiken zu vermeiden?

 

Der Weg vom Vertrag zum Netzwerkbetrieb

Wurde nach der Netzwerkausschreibung bereits ein Vertrag mit einem Auftragnehmer abgeschlossen, dann werden in der Regel von ihm die Systemkomponenten geliefert, installiert und anschließend das Netzwerk in Betrieb genommen. Abbildung 8.5-1 illustriert den Verlauf der Netzwerkrealisierung näher – gewissermaßen als Weg vom Vertrag zum Netzwerkbetrieb.

Abb. 8.5-1 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Wie hier zum Ausdruck gebracht wurde, sind die folgenden drei Phasen der Netzwerkrealisierung zu unterscheiden:

  1. Lieferung: In dieser Phase erfolgt die Lieferung von Systemkomponenten seitens des Auftragnehmers, und diese müssen formal vom Auftraggeber abgenommen werden. Die beiden an der Netzwerkrealisierung Beteiligten – Auftraggeber und Auftragnehmer – können aber auch vertraglich vereinbaren, dass einige Systemkomponenten vom Auftraggeber selbst angeschafft werden – als eigene Beschaffung.
  2. Installation: In dieser Phase werden die Systemkomponenten installiert und getestet. Die durchgeführte Installation muss formal vom Auftraggeber abgenommen werden. Hierbei muss insbesondere auf die Verkabelung geachtet werden.
  3. Inbetriebnahme: Nachdem die Systemkomponenten installiert und getestet wurden, sind die physikalische Netzwerkstruktur und das IP-Kommunika­tionssystem de facto „fertig“, sodass jetzt verschiedene Software-Komponenten installiert werden können, damit die weiteren Netzwerkfunktionsbereiche (Stunde 4) fertiggestellt werden. Während dieser als Inbetriebnahme bezeichneten Phase werden die restlichen „feinen“ Arbeiten – wie etwa: Einrichten von Client-Rechnern und Servern, Software-Installation, Sicherheitsüberprüfung, Testen der Datensicherung etc. – durchgeführt, um alle Netzwerkfunktionsbereiche fertigzustellen.

Aktivitäten bei der Netzwerkinstallation und -inbetriebnahme

Wurden die Systemkomponenten vom Auftragnehmer geliefert bzw. eventuell teilweise vom Auftragnehmer selbst angeschafft, müssen diese installiert und anschließend das Netzwerk in Betrieb genommen werden. Außer der Installation des Netzwerks und dessen Inbetriebnahme, müssen weitere Aktivitäten durchgeführt werden – und diese sind (für Näheres darüber siehe Abschnitt 8.5.1 im Buch Netzwerprojekte):

  • Testdurchführung: Sowohl während der Installation von Netzwerkkomponenten als auch während der Inbetriebnahme des Netzwerks müssen zahlreiche Tests durchgeführt werden – hierzu gehören insbesondere: Überprüfung der Funktionalität, Überprüfung der qualitätsrelevanten Anforderungen (Performance Requirements), Überprüfung von Sicherheitsanforderungen und Überprüfung der Erfüllung von Vorgaben.
  • Konfigurationsmanagement: Darunter ist eine Managementtätigkeit zu verstehen, die dafür sorgt, den einwandfreien Betrieb des Netzwerks während dessen gesamten Lebenszyklus möglichst aufrechtzuerhalten. Um dies zu unterstützen, sind u.a. die folgenden Aktivitäten nötig: Dokumentation der Netzwerkinstallation, Konfigurationsüberwachung, Change Management (Änderungsmanagement), Konfigurationsauditierung.
  • Erfassung von Vorgaben: Während der Installation und Inbetriebnahme sollte man die Konfigurationsparameter bzw. andere Konfigurationsangaben nach deren Wichtigkeit differenzieren (klassifizieren). Es gibt einige Konfigurationsparameter und -angaben, die den Netzwerkbetrieb und die Netzwerkwirksamkeit stark beeinflussen. Diese müssen daher übersichtlich und präzise dokumentiert sowie gegebenenfalls auch in das Administrationshandbuch übernommen werden. Zusätzlich gibt es Konfigurationsparameter und -angaben, die im Notfallplan eingetragen werden müssen, damit man bspw. nach einem Desaster im Netzwerk dessen regulären Betrieb wiederherstellen kann. Bei der Netzwerkrealisierung sollten daher folgende Vorgaben getroffen werden: Vorgaben für die Netzwerkdokumentation, Vorgaben für das Administrationshandbuch und Vorgaben für den Notfallplan.
  • Technische Abnahme: Wurde die Netzwerkrealisierung in Auftrag gegeben und der Auftragnehmer hat bereits die Verkabelung und die Netzwerkkomponenten installiert, sollte eine formale, technische Abnahme der Netzwerkinstallation erfolgen – also eine Teilabnahme. Insbesondere sind hierbei die bei der Abnahme gemessenen Parameter der Verkabelungsstrecken zu dokumentieren. Der Schwerpunkt der technischen Abnahme bezieht sich auf die Überprüfung, ob sämtliche im Lastenheft spezifizierte Anforderungen – insbesondere den Netzwerkbetrieb betreffende – erfüllt sind. Hierbei sind entsprechende Abdeckungsmatrizen von großer Bedeutung.

Technische Überprüfung des Netzwerks

Nach der Installation der Systemkomponenten und während der Inbetriebnahme des neu eingerichteten bzw. modernisierten Netzwerks muss eine technische Überprüfung stattfinden, um feststellen zu können, ob alle an das Netzwerk gestellten Anforderungen erfüllt sind – und damit die Voraussetzungen für die Endabnahme vorliegen. Eine technische Überprüfung des Netzwerks kann somit als dessen Usability Test betrachtet werden. Abbildung 8.5-3 illustriert die allgemeine Vorgehensweise bei der technischen Überprüfung des Netzwerks.

Abb. 8.5-3 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Wie hier zum Ausdruck gebracht wurde, ist das Ziel der technischen Überprüfung des Netzwerks, feststellen zu können, ob alle an das Netzwerk gestellten Anforderungen erfüllt worden sind. Bei den Anforderungen, die an das Netzwerk gestellt werden, handelt es sich in der Regel um verschiedene Kategorien von Anforderungen – nämlich um: funktionelle, sicherheitsrelevante, qualitätsrelevante und gesetzliche Anforderungen. Als gesetzliche Anforderungen gelten u.a. die Bestimmungen im Hinblick auf EMV (ElektroMagnetische Verträglichkeit) – die sog. EMV-Richtlinien.

Die einzelnen Phasen bei der technischen Überprüfung des Netzwerks sind:

  • Vorbereitungsphase: Aus den Anforderungen, die an das Netzwerk gestellt worden sind, müssen in dieser Phase zuerst abgeleitet werden: die Prüfziele/Testziele (Was muss geprüft werden?) und die Objekte, auf denen geprüft werden muss oder kann, ob die Anforderungen erfüllt sind, sowie die Stellen, wo die technischen Prüfungen/Tests stattfinden sollen oder müssen.

Wurden die Prüfziele/Tests bestimmt, so müssen sie anschließend den betreffenden Anforderungen – in Form einer Abdeckungsmatrix (s. hier gezeigte Abb. 8.5-4) – zugeordnet werden, um dadurch u.a. feststellen zu können: „Welche Anforderungen wurden durch welche Tests überprüft?“ sowie „In welchen Bereichen sollen/müssen die Prüfergebnisse „liegen“?“ Dies sollte außerdem ermöglichen, die Entscheidungen zu treffen: „Welche Tests sind positiv und welche negativ zu bewerten?“ und dementsprechend „Welche Anforderungen sind erfüllt und welche nicht?“

  • Erstellung des Prüfplans: Nach der Vorbereitungsphase müssen die Prüfabläufe (Prüfstrategien) für alle Prüfziele und alle zu prüfenden Objekte/Stellen im Netzwerk konzipiert werden. Die Dokumentation (Beschreibung) dieser Prüfabläufe bildet einen Prüfplan – auch als Prüfspezifikation
  • Durchführungsphase: Wurde der Prüfplan erstellt, wird er in der Durchführungsphase realisiert. Bei Bedarf müssen hierfür zuerst noch einige Vorbereitungen gemacht werden. Oft bedeutet dies, dass eine Prüfumgebung für die Durchführung eines Tests vorbereitet werden muss. Jede durchgeführte Prüfung sollte man entsprechend protokollieren. Abschließend werden alle Prüfprotokolle – zu einer Dokumentation der technischen Überprüfung – zusammengefasst.

Auf Basis der Ergebnisse der technischen Überprüfung kann dann entschieden werden, ob das Netzwerk die technische Prüfung „bestanden“ hat oder nicht – und folglich, ob es formal abgenommen werden kann oder nicht.

Vorgehensweise bei der Abnahme

Die Annahmevorgänge bei der Netzwerkrealisierung sind formale, komplexe Vorgänge, mit denen eine große Verantwortung verbunden ist, sodass diese sorgfältig durchdacht werden müssen. Um hierfür eine Hilfe zu liefern, zeigt Abbildung 8.5-4 eine systematische Vorgehensweise bei der Abnahme der Lieferung, der Installation und des Netzwerksbetriebs.

Abb. 8.5-4 im Fachbuch - Badach, A., Rieger, S.: Netzwerkprojekte, Hanser

Wie hier veranschaulicht wurde, liegt das Lastenheft mit verschiedenen Vorgaben – damit sind auch verschiedene Anforderungen gemeint – den Abnahmen in den einzelnen Phasen der Netzwerkrealisierung zugrunde. Um diese Abnahmen systematisch und vollständig durchführen zu können, sollte man hierfür sog. Abdeckungsmatrizen vorbereiten – nämlich:

  • Abdeckungsmatrix für die Abnahme der Lieferung: Diese Abdeckungsmatrix gibt an, welche Vorgaben (die Zeilen in der Matrix) aus dem Lastenheft den einzelnen Systemkomponenten (die Spalten in der Matrix) zuzuordnen sind. In den zutreffenden Feldern der Matrix – in Abbildung 8.5-4 markierte Felder – wird eingetragen, wie weit die einzelnen Systemkomponenten die Anforderungen/Bedingungen aus dem Lastenheft erfüllen.
  • Abdeckungsmatrix für die Abnahme der Installation: Diese Abdeckungsmatrix enthält die Zuordnung von Vorgaben aus dem Lastenheft zu einzelnen, bei/nach der Installation von Netzwerksystemkomponenten durchgeführten Überprüfungen/Tests und beschreibt in zutreffenden Feldern der Matrix, wie weit die Ergebnisse der einzelnen Tests die Anforderungen erfüllen.
  • Abdeckungsmatrix für die Endabnahme: Diese Abdeckungsmatrix gibt an, welche Vorgaben aus dem Lastenheft zu einzelnen, bei der Inbetriebnahme des Netzwerks durchgeführten Tests gehören. Zutreffende Felder der Matrix enthalten Informationen darüber, ob die Ergebnisse einzelner Tests die Anforderungen erfüllen oder nicht.

Auf der Grundlage von diesen Abdeckungsmatrizen kann der Auftraggeber eine entsprechende Entscheidung fundiert treffen und demzufolge im Abnahmeprotokoll – auch Abnahmenerklärung genannt – sein Einverständnis zu der vom Auftragnehmer erbrachten Lieferung sowie dessen Leistung (bei der Installation und Inbetriebnahme) erklären – d.h. seine Leistungen formal annehmen oder diese stattdessen ablehnen. Die Ablehnung der Abnahme kann – falls bestimmte Vertragsstrafen vereinbart wurden – für beide Seiten erheblichen Folgen haben. Durch präzise erstellte und gründlich ausgefüllte Abdeckungsmatrizen ist der Auftragnehmer in der Lage, die Ablehnung der Abnahme dem Auftragnehmer zu begründen und nachzuweisen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, in diesem Beitrag haben wir Ihnen allgemeine Probleme, welche sich bei der Installation und Inbetriebnahme eines Netzwerks ergeben, in einer fundierten Form erläutert und dabei auch versucht zu zeigen, wie man diese in den Griff bekommen kann. In der Hoffnung, Ihnen mit dem hier präsentierten Inhalt einige nutzbare Ideen „vermittelt“ zu haben, verbleiben wir bis zum nächsten Beitrag über das Notfallmanagement in Netzwerken.

Ihre Autoren

Anatol Badach und Sebastian Rieger

Weitere Informationen zum  Thema finden Sie auf der Buchseite Netzwerkprojekte. Planung, Realisierung, Dokumentation und Sicherheit von Netzwerken.

Badach/Rieger, Netzwerkprojekte