Ziegler_vorgestellt!In diesem Interview dreht sich alles um Manuel Ziegler, unseren Spezialisten in Punkto Internet-Sicherheit! Sie kennen ihn aus zahlreichen Beiträgen hier auf Hanser Update zum Thema, als Autor seiner Bücher zu Sicherheit im Internet und Mitautor unserer Blog-E-Books iOS-Entwicklung und SEO &  Social Media im Einsatz!

Vor zwei Wochen haben wir Manuel Ziegler bereits zu seinem neuen Buch Sicher in sozialen Netzwerken interviewt und dabei auf seinen Privatsphären-Einstufungstest aufmerksam gemacht, den Sie ab sofort absolvieren können. Dabei können Sie noch bis zum 29. November einen Platz im Workshop zum Thema Privatsphäre im Internet im Dezember gewinnen, der ja wohl für jeden, ob privat oder beruflich, von Interesse sein kann. Alle Infos zum Workshop gibt es hier. Heute haben wir ein weiteres Interview mit Manuel Ziegler für Sie! Es geht um seine Motivation, das Buch zu schreiben und wie er an die Sache herangegangen ist.

Was hat Sie motiviert, ein Buch über Privatsphäre im Internet zu schreiben und warum liegt Ihnen dieses Thema am Herzen?

Ich habe gewissermaßen von Kindheit an verfolgen können, wie sich der Stellenwert des Internets in der Gesellschaft verändert hat. Auch wenn ich die Anfänge des Internets leider nicht selbst miterlebt habe, konnte ich dennoch beobachten, wie sich das Internet von einem gelegentlich zur Recherche oder für andere, eher außergewöhnliche Zwecke genutzten Medium, zu seiner heutigen Form entwickelt hat. Ohne das Internet können sich heute viele Menschen die Welt gar nicht mehr vorstellen.

Dabei ist das Internet zu einem, in vielen Lebensbereichen alltagsbestimmenden Faktor geworden. Gerade junge Menschen kommunizieren sehr stark über das Medium Internet mit Freundinnen, Bekannten und zum Teil auch völlig fremden Menschen. Das ist eine tolle Sache, aber gerade deswegen, weil das Internet und seine Anwendungen eine so einnehmende Rolle in unserem Leben spielen, ist es für mich so wichtig, dass dieses Medium frei bleibt und keiner unangemessenen Kontrolle – sei es durch einen Staat oder ein Unternehmen – unterworfen wird.

In der Bedrohung der Privatsphäre der Einzelnen  durch die Bestrebungen verschiedenster Institutionen, das Internet und die darüber stattfindende Kommunikation zu kontrollieren, sehe ich deshalb  auch einen Angriff auf grundlegende Rechte der Menschen wie die Meinungs- und Pressefreiheit, sowie informationelle Selbstbestimmung.

Das Thema Privatsphäre im Internet liegt mir also deswegen so sehr am Herzen, weil ich im Falle mangelnder ebensolcher eine akute Bedrohung der genannten Rechte und damit im weitesten Sinne eine Bedrohung von menschenwürdiger Existenz sehe.

 

Wie sieht Ihr typischer Arbeitsablauf beim Manuskript aus?

Zunächst versuche ich, das Thema über das ich schreiben möchte klar abzustecken. Dazu gliedere ich das zukünftige Manuskript zunächst durch hierarchische Überschriften. Diese Gliederung ist meist nicht endgültig, später werde ich dann einzelne Teile noch einmal völlig umstellen, streichen oder ergänzen, aber als erste Orientierung hilft mir das ungemein, vermutlich deshalb, weil ich das Buch eigentlich nie sequenziell schreibe, sondern meist nach Lust und Laune an mehreren Teilen gleichzeitig arbeite. Ich vermute, ohne die relativ strenge Einteilung im Voraus würde diese Arbeitsweise sonst zu sehr unzusammenhängenden Teilen führen.

Auf diese Art und Weise wachsen die einzelnen Teile des Manuskriptes langsam zu einem gesamten Werk zusammen.

 

Gibt es eine Stelle oder einen Passus in „Sicher in sozialen Netzwerken“, der Ihnen besonders wichtig ist?

Mir ist vor allem das als Nachwort fungierende Kapitel „Am Totenbett der Privatsphäre“ sehr wichtig. Darin werden, nachdem in den vorangegangenen Kapiteln dargelegt wurde, welche Arten von Überwachung es im Internet gibt und wie man sich als Nutzerin vor dieser Überwachung (zumindest teilweise) schützen kann, die aus meiner Sicht wesentlichen Fragen, die wir uns als Gesellschaft, ja sogar als Menschen stellen müssen, aufgeworfen, nämlich Fragen danach, ob wir wirklich in einer Welt leben wollen, in der wir auf Privatsphäre verzichten müssen.

Wenn wir in einer solchen Welt nicht leben wollen, dann ist es jetzt an der Zeit zu handeln und dafür zu sorgen, dass das Recht auf Privatsphäre im Zuge der immer schneller voranschreitenden Vernetzung nicht verloren geht. Wenn wir jetzt weiter zögern, geht dieses Recht womöglich für immer verloren. Das ist die politische Botschaft von „Sicher in sozialen Netzwerken“.

 

Was hat Ihnen am Schreibprozess besonders gefallen und was würden Sie das nächste Mal anders machen?

Am Schreibprozess besonders gefallen hat mir dieses Mal vor allem die Beschäftigung mit den Auswirkungen und der Tragweite von Edward Snowdens Veröffentlichungen. Dabei habe ich selbst an vielen Stellen überhaupt erst gemerkt, wie groß die Tragweite der globalen Überwachung durch Staaten tatsächlich ist. Natürlich war mir bereits im Vorfeld bewusst, mit welchen Methoden Geheimdienste wie NSA und GCHQ Menschen auf der gesamten Welt überwachen, doch erst die intensive Beschäftigung mit den Originaldokumenten und den journalistischen Aufarbeitungen dieser Dokumente hat zu dem alarmierenden Gesamtbild der Situation geführt, das ich heute habe.

Ich würde nicht sagen, dass ich das nächste Mal unbedingt etwas anders machen würde, aber natürlich gibt es Kleinigkeiten, die man sich vornimmt, das nächste Mal besser zu machen. Was mir bei „Sicher in sozialen Netzwerken“ im Nachhinein ein wenig fehlt ist die Einordnung sozialer Netzwerke und des Internets im Allgemeinen in einen soziologischen/politischen Gesamtzusammenhang. Im Ansatz nehme ich eine solche Einordnung zwar an vielen Stellen im Buch und unter Berücksichtigung vieler verschiedener Aspekte vor, aber was mir jetzt im Nachhinein noch ein wenig fehlt, ist eine ausführliche Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen online- und offline-Welt. Natürlich ist „Sicher in sozialen Netzwerken“ ein Buch, das vorrangig die technischen Aspekte von Sicherheit und Privatsphäre im Internet beschreiben möchte. Trotzdem ist es mir wichtig, dabei auch die gesellschaftlichen Aspekte zu beleuchten. Das habe ich an vielen Stellen ansatzweise getan, aber bei meinem nächsten Werk möchte ich mich dabei auf jeden Fall ein wenig ausführlicher und unter Bezugnahme auf entsprechende Theorien mit diesen Aspekten befassen.

 

Planen oder schreiben Sie bereits an einem neuen Buch?

Tatsächlich plane ich momentan sogar zwei verschiedene neue Bücher. Zum einen arbeite ich seit mehreren Monaten an einer sicherheitsorientierten Einführung in die Informatik. Ich möchte dabei die verschiedenen Gebiete der Informatik aus einer Perspektive der IT-Sicherheit entfalten. So möchte ich bei Einsteigerinnen von Anfang an eine Sensibilität für Sicherheitsproblematiken wecken. Ich glaube nämlich, dass die relativ späte, oft sogar optionale Beschäftigung mit Themen der IT-Sicherheit in der Ausbildung und im Studium angehender Informatikerinnen der Grund dafür ist, dass Sicherheitsaspekte bei der Softwareentwicklung und Systemadministration so oft stiefmütterlich behandelt werden, oder gar völlig untergehen.

Das zweite Buchprojekt, an dem ich derzeit arbeite, soll sich mit freiheitlichen und demokratischen Gesellschaftswerten und deren Ermöglichung durch die technischen Innovationen des letzten und aktuellen Jahrhunderts beschäftigen. Ausgehend von der Idee völliger Gleichberechtigung im Internet der 80er und 90er Jahre soll das Scheitern dieser Idee bedingt durch die Kommerzialisierung des Internets und den Versuch, das Internet nationalen Gesetzesvorgaben zu unterwerfen, nachgezeichnet werden. Von den zuletzt bekanntgewordenen Anstrengungen zahlreicher Nationalstaaten, das Internet flächendeckend zu überwachen und zu kontrollieren, ausgehend, soll die Frage diskutiert werden, inwiefern der Gedanke der Gleichberechtigung heute bereits verloren ist und wie das Internet womöglich noch „gerettet“ werden kann.

Mit dem oft als solches bezeichneten Internet of Things und der Diskussionskultur im Web 2.0 hat sich das Internet außerdem von einer virtuellen Parallelwelt zu einem Bestandteil unserer Lebensrealität entwickelt. Technologisch könnte das Internet die Grundlage zu einem weltumfassenden, basisdemokratischen, ja sogar anarchistischem politischen System werden, wenn es gelingt, die bis heute auch im Internet etablierten Machtstrukturen wieder zu beseitigen.

Doch egal, wie sich das Internet in Zukunft entwickeln wird, für einige Zeit herrschte im Internet echte Gleichberechtigung zwischen allen Teilnehmerinnen und teilweise lassen sich die Überreste dieser Zeit auch heute noch beobachten. Was können wir daraus für unsere Gesellschaft lernen? Ist es an der Zeit, sämtliche Herrschaftsstrukturen in unserer Welt abzulegen und eine dezentrale, echte Demokratie, ja sogar einen weltumfassenden Anarchismus zu begründen?

Mit derartigen Visionen möchte ich mich in diesem Buch intensiv auseinandersetzen, ihre Vor- und Nachteile beleuchten und konkrete Schritte zu deren Umsetzung entwickeln.

Das hört sich ja sehr spannend an, dann Ihnen viel Erfolg beim Schreiben und herzlichen Dank für das Interview!