In diesem Beitrag geht es um Erklärvideos in der Lehre. Wir haben uns dazu mit Anabel Derlam unterhalten, die mit Ihren Kollegen erforscht, ob dieses Medium bereits eine Daseinsberechtigung im Universitätsalltag hat.

Erklärvideos in der Wissenschaft – ein Interview mit Anabel Derlam

Erklärvideos in der Wissenschaft – ein Interview mit Anabel Derlam

Heute werden YouTube-Videos immer häufiger als Ratgeber genutzt. Es werden Schminktipps vorgeführt,  Aufbauanleitungen erklärt oder auch das eigene Leben in Form von Zeichnungen animiert. Obwohl diese Videos von Laien erstellt worden sind, weisen sie hohe Klickzahlen auf und werden auch trotz kleiner Qualitätsmängel gerne gesehen. Mit Smartphone & Co. aufgezeichnet und mit einfachen Mitteln bearbeitet und zeigen diese Videos beispielhaft, welche Möglichkeiten die Digitalisierung uns heute bietet.

Anabel Derlam und Prof. Dr. Bernhard Rumpe erforschen im Projekt „Draw my Business“ am Lehrstuhl Software Engineering an der an der RWTH Aachen Universität, ob derartige Erklärvideos auch für wissenschaftliche Themen eingesetzt werden können. In einer im Anschluss erscheinenden Blogserie wird Anabel Derlam uns ein paar Erklärvideos vorstellen, die sich mit Themen unserer Fachbücher auseinandersetzen. Wir freuen uns darauf!

Redaktion: Was genau wird in dem Projekt „Draw my Business“ erforscht bzw. umgesetzt?

Das Projekt „Draw my Business“ erforscht, ob wissenschaftliche Inhalte und insbesondere IT-Themen durch Erklärvideos vereinfacht und besser verständlich gemacht werden können und inwieweit Erklärvideos heutzutage einfach und ohne große Hilfsmittel erstellt werden können.

Im Rahmen des Forschungsprojektes bilde ich seit 2016 in meiner Arbeit als Hochschuldozentin Studierende an verschiedenen Hochschulen in NRW mit meinem neuen zweistündigen Lehrkonzept zur Erklärvideoerstellung im Rahmen von Vorlesungen oder in Praxisworkshops aus. Auf Basis dieses Lehrkonzeptes erstellen Studierende Erklärvideos mit einer Länge von ein bis drei Minuten für wissenschaftliche Themen. Die bisherigen Ergebnisse sind im zugehörigen YouTube-Kanal abrufbar.

Die Erfahrungen der Studierenden werden im Rahmen des Forschungsprojektes in einer Umfrage fortlaufend dokumentiert und analysiert. Ergänzend zu dieser Umfrage wurde zu Beginn 2018 eine weitere Umfrage zum Thema Social Media und Erklärvideo Einsatz in der Lehre an deutschen Hochschulen durchgeführt.

Finden Erklärvideos bereits in großem Stil in der Lehre Verwendung? Warum?

Eine Antwort auf diese Frage haben wir durch unsere Umfrage zum Einsatz von Social Media und Erklärvideos in der Lehre ermittelt, in der wir 229 Studierende und 171 Lehrbeauftragte befragt haben:

  • 65 % der Lehrbeauftragten setzen derzeit weder Erklärvideos noch ein ähnliches Konzept in Ihren Vorlesungen ein.
  • 92 % der Studierenden haben noch kein Erklärvideo im Rahmen des Studiums erstellt.

Diese Ergebnisse zeigen, dass der Einsatz von Erklärvideos in der Lehre noch nicht im großen Stil erfolgt. Berücksichtigt man weitere Ergebnisse dieser Umfrage, kann gefolgert werden, dass ein großes Interesse und Schulungsbedarf auf diesem Gebiet bestehen:

  • 70 % der Lehrbeauftragten, die bisher weder Erklärvideos noch ein ähnliches Konzept in Ihren Vorlesungen einsetzen, interessieren sich dafür, mehr über den Einsatz von Erklärvideos in Vorlesungen zu erfahren.
  • 88 % der Studierenden wünschen sich den Einsatz von YouTube in der Lehre.
  • 79 % der Studierenden würde es gefallen, Erklärvideos in die Vorlesungen zu integrieren.

Wie werden die Erklärvideos  gemacht?

Nach unserer zweitstündigen Einführung in die Erklärvideoerstellung mit Tipps und Tricks sind die Studierenden fit, um einfach Erklärvideos in den vielfältigen Techniken zu erstellen. In Einzel- oder Gruppenarbeit sind dann die Studierenden in der Lage ohne weitere Unterstützung zu beginnen, ein wissenschaftliches Erklärvideo zu erstellen.

Hierzu verfassen die Studierenden auf Basis von Fachliteratur einen kurzen Text, der dann als Grundlage für die Erstellung eines ein- bis dreiminütigen Erklärvideos dient. Diese Erklärvideos stellen den Sachverhalt verständlich und effektiv dar und vereinfachen dadurch komplexe Themen. Dabei kann das Storytelling – also das Erzählen einer Geschichte – eingesetzt und durch Text, Bild, Musik und Sprache ergänzt werden, um einen Sachverhalt zu verdeutlichen.

Um das wissenschaftliche Arbeiten nicht zu vernachlässigen, wird von unserer Seite darauf geachtet, dass im Abspann der Arbeit die verwendeten Quellen angegeben und die Urheber- sowie Nutzungsrechte berücksichtigt werden. Unsere Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass die Studierenden eigenständig an der Erstellung der Videos arbeiten können. Das Angebot von Frage-Möglichkeiten wurde so gut wie nie in Anspruch genommen. Es ist aber ratsam, einen Review-Termin der Ergebnisse anzusetzen, um ggf. Änderungen einfließen zu lassen und dadurch die Qualität der Videoendergebnisse zu erhöhen.

Welche Einsatzmöglichkeien erfahren Erklärvideos in der Lehre?

Im Forschungsprojekt wurden die verschiedenen Eintsatzmöglichkeiten von Erklärvideos in der Hochschullehre getestet. Als einfachste Form des Einsatzes ist die Vorführung von bereits vorhandenen Erklärvideos im Rahmen der Vorlesung zu nennen, um Inhalte komprimiert zu vermitteln und um eine abwechslungsreiche Vorlesungsgestaltung zu erreichen.

Die Erklärvideo-Erstellung durch die Studierenden kann in verschiedenen Formen auch abhängig von der Teilnehmerzahl der Vorlesungen eingesetzt werden. In zahlenmäßig kleiner besuchten Vorlesungen, wie z.B. an privaten Hochschulen, können Erklärvideos im Rahmen der laufenden Vorlesung erstellt werden oder sie ersetzen die Prüfungsform Referat oder Präsentation und bieten so ein neues Stilmittel, das dem digitalen Zeitalter entspricht. In zahlenmäßig größeren Veranstaltungen kann die Erklärvideo-Erstellung durch die Studierenden als eine Art Übungsblatt ergänzend zu einer Vorlesungsreihe eingesetzt werden. Ebenso können Praxisworkshops zu einem bestimmten Fachthema veranstaltet werden, in denen eine Video-Themenvorschlagsliste als Basis dient, aus der die Studierenden dann ein bis zwei Themen auswählen, um hierfür ein Erklärvideo zu produzieren.

Weiterhin hat unsere Erfahrung gezeigt, dass für Abschlussarbeiten (Bachelor-, Masterarbeiten oder Dissertationen) Erklärvideos und auch längere Tutorials insbesondere für die Wissenskonservierung innovative Möglichkeiten bieten. Weiterhin können Wissenschaftler über diese Videos neben der Verbreitung des Wissens auch die Vermarktung der eigenen Studienergebnisse erreichen.

Als weiteres Forschungsergebnis des Projektes haben wir das Konzept „Course Pieces“ im Rahmen des Forschungsprojektes entwickelt. Hierfür werden vorliegende stundenlange Vorlesungsaufzeichnungen auf kurze Erklärvideos aufgeteilt, um zum einen das Auffinden zu erleichtern und zum anderen das Wissen in kompakter Form zu vermitteln.

Welchen Nutzen haben die Videos für den einzelnen Studierenden?

Um die Forschungsarbeit zu belegen, wurden 113 Studierenden (Stand Mai 2018) von verschiedenen Hochschulen im Anschluss an die Erklärvideo-Erstellung befragt.  Folgendes Ergebnis ergab die Befragung:

  • Über 77 % der Studierenden schätzen den Nutzen bzw. die Wiederverwendbarkeit von Erklärvideos im Vergleich zu einer Standardpräsentation als höher ein.
  • Ca. 80 % der Studierenden schätzen den Nutzen des Einsatzes von Erklärvideos in der Lehre als gut bis sehr gut ein.
  • Bei der Frage „Welche Prüfungsform bevorzugst Du?“ war die Meinung geteilt: Die Hälfte bevorzugt die Erklärvideo-Erstellung und die andere Hälfte erstellen lieber Präsentationsfolien und tragen diese vor.

Wie wirken sich der Einsatz und die Nutzung der Videos auf das Wissensangebot an Ihrer Uni aus?

Neben der einfachen Erklärvideo-Erstellung wurde im Rahmen des Forschungsprojektes auch ein YouTube-Kanal für den Lehrstuhl Software Engineering der RWTH Aachen Universität eingerichtet und diese über eine smarte Softwarelösung in die Internetseiten des Lehrstuhls eingebunden. So können nun Forschungsergebnisse und fachspezifische Inhalte leicht verständlich über Videos und themenspezifische Playlisten über YouTube veröffentlicht werden.

Da die Erfahrungen mit den Erklärvideos so positiv ist, wird derzeit auch ein interner Videokanal am Lehrstuhl eingerichtet, um auch die nicht-öffentlichen Inhalte und Prozesse verständlicher zu machen, zu konservieren und 24 Stunden am Tag zur Verfügung zu stellen.

Als Forschungsergebnis des Projektes wurde Anfang 2018 das Institut für Digitalisierung und Digital Storytelling gegründet, das Seminare und Workshops anbietet, um die Erklärvideo-Erstellung und die Nutzung von Videokanälen in die breite Masse zu tragen. Unter dem Motto: „Jeder kann ein Erklärvideo erstellen“ wird dort ein einzigartiges Lehrkonzept basierend auf den vorgenannten Forschungsergebnissen an Hochschulen und Unternehmen vermittelt.

Wir bedanken uns herzlich für das Interview und freuen uns auf die Vorstellung der Erklärvideos, die in Kürze folgen werden!